Woll-Ziest

Woll-Ziest im Botanischen Garten Gütersloh

Graue Eminenz mit Sonnenschutz

„Ich hab Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren“ sang 1961 Camillo Felgen für seine Mutter. Der Titel hätte aber auch gut eine Ode an den Woll-Ziest sein können. Denn diese ungewöhnliche Staude schmückt sich nicht mit großen, bunten Blüten, sondern zieht die Aufmerksamkeit der Stadtpark-Besucher durch ihre wenn auch nicht schneeweiße, so doch silbrig-graue Blatt-Behaarung auf sich. Nicht nur Kinder animiert das Fell unweigerlich zum Anfassen und Streicheln.

Woher stammt der Name „Woll-Ziest“?

Die >sorbische Sprache kämpft ums Überleben. Nur noch 20-30.000 Menschen in Sachsen und Brandenburg sprechen Sorbisch. Immerhin gibt es ein Handvoll Lehnwörter, die das Deutsche  aus dem Sorbischen entwickelt hat: Der „Quark“ hat seine sprachlichen Wurzeln ebenso im sorbischen Siedlungsgebiet wie der „Nerz“, die „Peitsche“ und die „Plauze“ (sorbisch „pluci“, eigentlich Lungenflügel). Und, sonst würden wir all das hier ja gar nicht erwähnen, auch der Ziest. Der heißt auf Obersorbisch „čisćik“, was im Mark-Brandenburgischen für deutsche Zungen aussprachefreundlicher zu Ziest abgeschliffen wurde.

Mit der „Wolle” beschreibt der Volksmund die flaumig-filzigen, wollig-zottigen bis samtig-seidenen Härchen, die wie ein dünnes Fell über den Blättern und der Blütenkrone liegt. Nachvollziehbar ist angesichts der Form und Farbe der Blätter auch der Alternativname „Eselsohr“. Die Engländer fühlen sich an Lämmer erinnert. Dort heißt die Pflanze „Lamb´s Ear“.

Woll-Ziest

Der wissenschaftliche Name „Stachys byzantina“ leitet sich aus dem indogermanischen stengh“ = stechen ab. Aus dieser Wurzel entstammt das lateinische „spica“ = die Ähre. Der Name bezieht sich auf die Blütenstände, die wie Ähren aussehen, aber keine sind – weshalb der Biologe von Scheinähren spricht. Der Artname „byzantina“ bezieht sich auf das Vorkommen in Kleinasien, für das stellvertretend Byzanz steht, der frühere Name Istanbuls.

Woher stammt der Woll-Ziest?

Woll-Ziest stammt ursprünglich aus Vorderasien und dem Kaukasus, heute ziert er Gärten und Parks in ganz Mitteleuropa. Es gibt übrigens auch Deutschen Ziest (Stachys germanica). Der kommt in weiten Teilen Deutschlands gar nicht vor, hat sich dafür aber bis nach Vorderasien ausgebreitet. Es wächst also heute die „byzantina“ in Bayreuth und die „germanica“ in Istanbul – der Natur waren Ländergrenzen schon immer egal. Was zur philosophischen Überlegung Anlass gibt, wie sinnvoll Ländergrenzen allgemein sind.

Wo finde ich Woll-Ziest im Botanischen Garten?

Im Bereich des Sonnengartens. Es handelt sich um die Sorte „Silver carpet“ („Silberteppich“).

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Wie pflanze ich Woll-Ziest im eigenen Garten?

Mit der Kuckucks-Lichtnelke und dem Mammutblatt präsentieren wir in dieser Rubrik Pflanzen, die extrem viel Wasser brauchen. Damit auch Hobbygärtner ohne Flussaue oder Regenwald im Garten zu ihrem Recht kommen, stellen wir hier mit dem Woll-Ziest eine Pflanze vor, die es sonnig und trocken mag und nährstoffarme, sandige Böden bevorzugt – ein solcher Standort sollte ja wohl in Senne-Nähe zu finden sein. Die Blüte bei Woll-Ziest ist aus ästhetischer Sicht unerheblich, die Staude schmückt den Garten durch ihre grauen Blätter. Sie ist eine klassische Zierpflanze, die ihre Nachbarn zur Geltung bringt. Eine blühende Rose wirkt inmitten eines Woll-Ziest-Teppichs noch einmal so schön.

Wer hätt´s gedacht?

Graue und behaarte Blätter – das ist eher untypisch für Pflanzen, oder? Tatsächlich kommt silbrig-graues Laub häufiger vor, als man zunächst meinen sollte: Elfenbein- und Kugeldistel, Sonnenröschen, Silberraute und Perlkörbchen sind nur einige Beispiele. Wie ausnahmslos alle Pflanzen mit grauem Laub gedeihen sie an sonnigen und trockenen Standorten. Ihre silbrige Färbung reflektiert das Licht und schützt sie vor Wasserverlust und Sonnenbrand. Auch die fein-flauschige Behaarung des Woll-Ziests ist ein Verdunstungsschutz und isoliert die Blattoberfläche, ähnlich der dicken Styroporschicht einer Hauswand. Wirklich beeindruckend, was diese Staude drauf hat – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Ode an den Woll-Ziest ist längst überfällig.


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