Gewellte Hirschzunge

Gewellte Hirschzunge im Botanischen Garten Gütersloh

Grün im Wald, gelb im Wohnzimmer

Sie sieht nicht aus wie ein typischer Farn. Tatsächlicher ist die Gewellte Hirschzunge ein gänzlich farn-untypischer Farn: Als einzige ihrer Art in Europa besitzt sie nicht die für Farne sonst so charakteristischen gefiederten Blattwedel. Stattdessen sind ihre Blätter ungeteilt und haben einen durchgehenden glatten Rand. Das ist nicht das einzig Ungewöhnliche an dieser Pflanze.

Woher stammt der Name „Gewellte Hirschzunge“?

Namensgebend sind ihre langen, ledrigen, glattrandigen, aber gewellten Wedel. Manch botanischer Laie erkennt den Farn gar nicht als solchen, sondern fühlt sich, zumal wenn er gerade von einem Wildbret-Bankett kommt, beim Anblick der Blätter eher an eine Hirschzunge erinnert.

Einem botanischen Fachmann unterläuft eine solche Fehlinterpretation natürlich nicht. Der nennt die Pflanze aus der Gattung der Streifenfarne daher auch „Asplenium scolopendrium ‚Undulata‘“. Der Name der Gattung enthält die griechischen Worte „a“ = gegen und „splen“ = Milz, die Farne wurden in der Volksmedizin traditionell gegen Milzerkrankungen eingesetzt.

„Streifenfarne” heißen übrigens so, weil sie an der Unterseite der Blätter kleine, längliche, eben streifenförmige Sporenhäufchen bilden. Bei der Hirschzunge sehen diese Sporen aus, als würden sich auf jedem Blatt Dutzende Hundertfüßler ausruhen. So kam die Hirschzunge zu ihrem Artnamen: „scolopendra“ heißt „hunderfüßlerartig“.

Der Sortenname ‚Undulata‘ bedeutet „gewellt“.

Woher stammt die Hirschzunge?

Hirschfarne sind relativ weit verbreitet, in Europa, in Nordamerika, in Asien. Ausgerechnet in unserer Region sind sie aber kaum anzutreffen. Eigentlich eher in Mittelgebirgen heimisch, besiedelten Hirschzungen das Ostmünsterland zusammen mit dem Menschen und fanden insbesondere in und an Brunnenschächten gute Standortbedingungen. Mit dem Zuschütten zahlreicher Brunnenschächte verschwand auch der Farn: 1986 wurde die Hirschzunge in der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen in NRW für die Westfälische Bucht als „verschollen“ eingestuft. Mittlerweile gibt es wieder vereinzelte Fundstellen. Wer aber gar nicht erst suchen will, liest den nächsten Abschnitt.

Wo finde ich eine Gewellte Hirschzunge im Botanischen Garten?

Am Tümpel, auf den man von der Hyazinthenwiese aus zugeht. Und vom Palmenhaus zum Apothekergarten gehend in den Beeten auf der rechten Seite.

Wie pflanze ich Hirschzunge im eigenen Garten?

In der Natur besiedeln Hirschzungen vornehmlich schattig-feuchte Steilhänge und Schluchten – daher die Vorliebe für Brunnenschächte. Im Garten ist der Farn also etwas fürs Schattenbeet, fürs Unterholz von Sträuchern, für den Moor- oder auch für den Steingarten, so lange er dort nicht der prallen Sonne ausgesetzt ist.

Gewellte Hirschzunge

Wer hätt´s gedacht?

Wegen ihrer glänzenden, tief-dunkelgrünen Blätter sind Hirschzungen auch als Zimmerpflanzen beliebt. Dabei ist die Liebe einseitig – für den Farn ist kein schrecklicherer Ort vorstellbar als ein warmes, trockenes, schlimmstenfalls helles Wohnzimmer. Wird ihm ein Fensterplatz im 1. Stock nach Süden raus zugewiesen, erblasst der Farn vor Entsetzen: Aufgrund der Helligkeit drosselt er die Chlorophyllproduktion und verfärbt sich blassgrün bis gelb.

Wundervoll gedeiht er dagegen bei 20 Prozent des Tageslichts – was im Sommer am Boden von Laubwäldern die vorherrschende Lichtintensität ist. Ein normales Wachstum als Topfpflanze auf der Anrichte verhindert außerdem die meist zu trockene Luft in unseren Häusern. In der (für uns) „guten Stube” werden Hirschzungen deshalb in der Regel nur halb so groß wie im Freien.

Ach, Sie haben gar keine helle, trockene, warme Wohnung? Sondern hausen im Souterrain, warten schon seit Tagen nach dem Wasserrohrbruch auf den Installateur und lassen aus Prinzip benutztes Geschirr vor dem Abwasch ein, zwei Wochen stehen? Das heißt, Ihr Heim ist dunkel, feucht und von Verrottungs- und Vermoderungsprozessen geprägt? Dann beglückwünschen wir Sie – Ihr Zuhause ist perfekt für die Hirschzungen-Zimmerhaltung! Alle anderen müssen wohl oder übel mit den Exemplaren im Botanischen Garten Vorlieb nehmen.


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