Waldmeister

Wer kennt nicht den grünen Wackelpudding, den besonders Kinder so lieben? Mit Waldmeister verbindet man auch prickelnde Ahoj-Brause, Berliner Weiße mit Waldmeistersirup und Maibowle. Schon die Benediktinermönche aus der Abtei in Prüm in der Eifel erfrischten sich mit diesem Getränk. Der Klosterbruder Wandalbert schrieb 854 in einem Gedicht: „Schütte perlenden Wein auf das Waldmeisterlein!“

Waldmeister (Galium odoratum) gehört in die Familie der Rötegewächse, die man auf nährstoffreichen Waldböden findet, vorwiegend unter Buchen. Da sich Waldmeister über den Wurzelstock schnell ausbreitet, ist er im Garten, unter Laubgehölzen, ein idealer Bodendecker. Im Mai erscheinen an den Stängelspitzen in Trugdolden angeordnete kleine weiße sternförmige Blüten mit je vier trichterförmig verwachsenen Blütenblättern.

Die kugeligen, grünen Früchte sind dicht mit hakigen Borsten besetzt. Ähnliche Früchte, die wie Kletten an der Kleidung oder am Fell von Tieren haften – daher bei Kindern sehr beliebt – findet man beim verwandten Klebkraut (Galium aparine), das mit Hilfe von rückwärts gerichteten Stacheln am Rand der Blätter an anderen Pflanzen hochklimmen kann.

Der Waldmeister ist im Volksmnund unter vielen Namen bekannt, die etwas über seine Eigenschaften bzw. seine Anwendung aussagen: Duftlabkraut, Gliederkraut, Halskräutlein, Herzfreude, Herzfreund, Leberkraut, Maikraut, Sternleberkraut, Tabakskraut, Waldmännchen.

In der Heilkunde schätzt man die durchblutungsfördernde, entkrampfende und beruhigende Wirkung des Krautes. Beim Welkevorgang entsteht das für den charakteristischen Geruch verantwortliche Cumarin. Als Heilmittel wird das ganze getrocknete Kraut verwendet, vor allem in Teemischungen, bei Lebererkrankungen, Darmstörungen, Unruhezuständen, Schlafstörungen, Migräne, Venenerkrankungen und Herzbeschwerden. Tabernaemontanus empfahl im 16. Jahrhundert Waldmeister in Wein zur Stärkung von Leber und Herz.

Gut gegen Motten

Der Waldmeister gehört zu den sogenannten Bettstrohkräutern: Er wurde früher Wöchnerinnen und ihren Säuglingen unter die Strohmatratze gelegt, um mit seinen beruhigenden und entkrampfenden Eigenschaften deren Wohlbefinden zu fördern. In Kräuterkissen oder als Sträußchen im Kleiderschrank hilft der Duft des Waldmeisters, Motten fernzuhalten.

In den alteuropäischen Kulturen galt der Wonnemonat Mai als eine besonders günstige Zeit für die Empfängnis. Die Jugend sammelte duftende Kräuter, die der Göttin Freya geweiht waren, darunter auch Waldmeister, und bereiteten damit ein Liebeslager auf blühenden Wiesen oder moosbewachsenen Waldlichtungen.

Die Waldkönigin

Beim Maifest wurden duftende Kräuterbäder bereitet, in denen Frauen und Männer gemeinsam badeten. Süße, mit Waldmeister gewürzte Weine sollten Verklemmungen lockern und die Lust anregen. Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl schreibt in dem Buch „Hexenmedizin“:

Bei der heutigen Maibowle gehen wir ganz dezent und bürgerlich vor. Einige Zweiglein des angewelkten Maikrauts werden für kurze Zeit in den Wein gelegt, es kommt etwas Zucker und Zitrone dazu und zuletzt Schaumwein. Man befürchtet, zu viel Waldmeister könnte einen heftigen Kater zur Folge haben. Wenn man jedoch diese Befürchtung beiseite lässt und mehrere Handvoll des angewelkten Waldkräutleins in den Wein tut, dann wird man wissen, warum es Waldmeister, Waldmutterkraut oder auf französisch „Reine de bois“ (Waldkönigin) heißt. Nicht nur regt es die Liebeslust an, sondern es ist, als ob der Wald, die ganze wilde Natur, einige Schritte näher an einen herantritt. Die Waldgeister grinsen einen an.

Da das Cumarin jedoch im Verdacht steht, in hoher Dosierung zu Leberschäden zu führen und Krebs auszulösen, ist die dezente Variante der Maibowle bestimmt der Gesundheit zuträglicher. Eine erfrischende Maibowle kann man mit Weißwein, Apfelwein oder alkoholfrei mit Apfelsaft ansetzen. Oft wird empfohlen, noch nicht blühenden Waldmeister dafür zu verwenden mit der Begründung, der Kumarin-Gehalt sei in den blühenen Pflanzen höher. In der Literatur findet man jedoch aus Aussagen, dass dies nicht nachgewiesen ist, sondern in der Blütezeit nur Stängel und Blätter härter werden.

Auch heißt es, bei allzu reichlichem Genuss von Maibowle können Kopfschmerzen auftreten. Das liegt aber in der Regel nicht an der zu hohen Cumarin-Konzentration, sondern an der Alkoholmenge und der Qualität des verwendeten Weins. Wie immer, kommt es auf die Dosierung an: In Maßen genossen, bringt uns die Waldmeisterbowle ohne Nebenwirkungen beschwingt in und durch den Mai.

Waldmeister wächst an verschiedenen Stellen im Botanischen Garten. Eine größere Fläche findet man am Abzweig des Weges vom Geruchstunnel zum Birkenhain. Finden Sie ihn auf Ihrem Spaziergang!


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