Blumenrohr

Einmal um die ganze Welt

Orangefarbene Blumenrohr-Blüten schmücken derzeit die saisonalen Beete im Botanischen Garten – ein Beweis für die Globalisierung der letzten 500 Jahre. Sogar in einem Klassiker der deutschen Literaturgeschichte kommt die Staude vor.

Woher stammt der Name „Blumenrohr“?

Der Wortbestandteil „-rohr“ ist hier im Sinne von Schilfrohr gemeint und bezieht sich auf die aufrechten und hohlen Stängel der Staude. Der botanische Name der Pflanzengattung lautet „Canna“ und ist das lateinische Wort für „Rohr“.

Woher stammt das Blumenrohr?

Das Blumenrohr im Botanischen Garten Gütersloh ist eine Züchtung, die uns um die ganze Welt führt.

Eine der Ausgangspflanzen war das Indische Blumenrohr (Canna indica). Der Name führt in die Irre, denn diese Blumenrohr-Art stammt gar nicht aus Indien, sondern aus Mittelamerika. Das „Indien“ im Namen trägt es nur, weil das erste Exemplar, an dessen Blüte sich ein Europäer erfreute, auf den Westindischen Inseln wuchs. Die Westindischen Inseln in der Karibik verdanken ihren Namen dem Umstand, dass Christoph Kolumbus sie auf seinem westlichen Weg nach Indien entdeckte. 

350 Jahre nach Kolumbus gründete ein japanischer Saatguthändler eine Firma in Kyoto, die heute unter dem Namen ›Takii Seed auf der ganzen Welt Pflanzen züchtet. Seit 2007 gehört auch eine Firmentochter in den Niederlanden dazu. An deren Sitz in der Nähe von Amsterdam entwickelten die Züchter acht Blumenrohr-Sorten. Vertrieben werden sie unter dem Markennamen „Cannova“, d. h. „die neue Canna“. Die Samen stammen aus den Niederlanden, von wo aus sie in Gartenbaubetriebe nach Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland – hier speziell an einen Blumenzüchter in Münster – gelangen. Dort sprießen die Jungpflanzen, die dann an Händler im In- und Ausland verteilt werden.

Wir fassen zusammen: Ein italienischer Seefahrer in kastilischen Diensten entdeckt beim Versuch, nach Indien zu gelangen, auf den Bahamas eine Pflanze, aus der ein zu einer japanischen Firmengruppe gehörender niederländischer Betrieb Sorten züchtet, die u. a. von Deutschland aus nach ganz Europa gelangen. So steckt in jedem Blumenrohr ein halbes Jahrtausend Globalisierung …

Wo finde ich Blumenrohr im Botanischen Garten Gütersloh?

In den saisonalen Beeten im Zentrum, rund um den Kugelahorn. Zweimal im Jahr wechselt die Bepflanzung dort. Der Sommerflor besteht u. a. aus Löwenmäulchen, Tagetes, Dahlien, Eisbegonien – und Blumenrohr. Die Sorte, die dort blüht, heißt ‘Cannova Orange Shades‘.

Wie pflanze ich Blumenrohr im eigenen Garten?

Die modernen Züchtungen aus den Niederlanden sind zwar etwas robuster als die „Originalpflanzen“, dennoch bleibt das Blumenrohr eine Gewächs der Tropen. Es benötigt einen feuchten und nährstoffreichen Boden in vollsonniger Lage – ums regelmäßige Gießen und Düngen kommen Sie nicht herum.

Auf keinen Fall sollte das Thermometer weniger als 5 Grad Celsius anzeigen, da die Pflanze nicht kälteresistent ist. Die Zeit nach der Blüte, die von Juni bis Oktober dauert, muss sie daher im Gewächshaus oder Wintergarten verbringen. 

Wer hätt‘s gedacht?

„Effi Briest“ von Theodor Fontane, veröffentlicht 1894, gehört zu den großen Werken der deutschen Literatur. Unzählige Deutschschüler durften sich mit der Interpretation des ersten Kapitels beschäftigen. Vordergründig handelt es sich um eine reine Beschreibung des Elternhauses der Hauptfigur: Fontane schildert detailliert die Umgebung, das Herrenhaus und vor allem den Garten. Doch stecken seine Zeilen voller Bilder, Metaphern und Symbole, von denen der Leser viele erst beim zweiten Lesen, nach Kenntnis des kompletten Romans, erkennen und deuten kann. 

Den Garten beschreibt Fontane als Idylle, in der die 17-jährige Effi lebt. Gleich ›im ersten Satz erwähnt er als Bepflanzung die „Canna indica“, das Indische Blumenrohr. Damit stellt er den Garten als hellen und warmen Ort vor, denn nur an einem solchen Standort gedeiht die Pflanze. Und er unterstreicht, dass es sich um einen wohlhabenden Gartenbesitzer handelt, denn nicht jeder konnte sich um 1890 solch exotische Pflanzen leisten. Effi empfindet den Garten als „Himmel“, und das Blumenrohr ist ein Teil davon. 

Der Roman endet, wo er begonnen hat: im Garten des Herrenhauses. Wo früher die Sonnenuhr stand, liegt nun Effis Grab. Das Blumenrohr hat dort keinen Platz mehr.



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