Roter Fingerhut

Roter Fingerhut

Zwischen unfähig und lebenslänglich

Ein blühender Fingerhut ist die Zierde jedes Gartens, eine begehrte Heilpflanze – und zugleich lebensgefährlich. Vor allem für Kinder heißt es: Finger weg vom Fingerhut!

Woher stammt der Name „Roter Fingerhut“?

Schon in der Jungsteinzeit wurde genäht. Damit sich unsere Urahnen dabei nicht verletzten, schützten sie ihre Finger mit einem Fingerhut aus Knochen oder Elfenbein. Die Römer etablierten das praktische Nähwerkzeug in Mitteleuropa (jedenfalls dort, wo sie nicht von cheruskischen Handarbeitsmuffeln daran gehindert wurden). So hatte der Volksmund recht früh eine Assoziation zur Blütenform der Staude: Wie Fingerhüte sehen deren Blüten aus.

Welche Farbe die Blüten des Roten Fingerhuts haben, erkennen Sie auf dem Foto: Sie sind rot wie .. äh … Schnee. Die vermeintlich falsche Farbangabe im Namen lässt sich erklären: Bei den Exemplaren im Botanischen Garten handelt es sich um eine spezielle Züchtung, die Sorte ‚Alba‘, den Weißblühenden Roten Fingerhut. Das mag für Nicht-Botaniker paradox klingen. Doch in ortsfremden Ohren hört sich auch Ost-West-Falen widersprüchlich an – während die Ostwestfalen selbst überhaupt nicht verstehen können, was daran seltsam klingen soll. Und so pflanzen auch die Stadtgärtner ohne sich zu wundern weiße Rote Fingerhüte.

Übrigens: Sogar die „eigentlichen“ Roten Fingerhüte tragen keine blutroten, sondern eher rosafarbene bzw. rotviolette Blüten. Der botanische Name der Pflanze ist diesbezüglich genauer. Er lautet „Digitalis purpurea“, von „digitus“ = Finger und „purpureus“ = purpurrot, also rotviolett.

Woher stammt der Rote Fingerhut?

Die ursprüngliche Heimat des Roten Fingerhuts ist das westliche Europa. Durch seine Verwendung als Zierpflanze in Gärten und Parks ab dem 16. Jahrhundert verwilderte er auch anderenorts. Heute wächst er in den gemäßigten Zonen Europas, Nord- und Südamerikas, vornehmlich an Waldlichtungen.

Wo finde ich Roten Fingerhut im Botanischen Garten Gütersloh?

Einige stattliche, d.h. rund 2 Meter große Exemplare, wachsen zwischen den saisonal bepflanzten Beeten (rund um den Kugelahorn) und dem Asterngarten (wo die Holzlauben stehen).

Wie pflanze ich Roten Fingerhut im eigenen Garten?

Ein blühender Fingerhut ist fraglos ein Hingucker – sogar im blütenreichen Botanischen Garten -, aber er ist eher etwas für Kenner. Denn er wächst nicht überall, blüht erst im zweiten Jahr, sollte im Sommer regelmäßig gegossen werden – und ist hochgiftig.

Wer hätt´s gedacht?

Zwei, drei Fingerhutblätter gegessen – das war´s. Schon 2,5 Gramm der Blätter sind tödlich. Durch den bitteren Geschmack ist ein versehentlicher Verzehr eigentlich ausgeschlossen. Doch kommt es immer wieder zu Vergiftungen durch Verwechslungen, z.B. beim Kräutersammeln für Tees, und durch sachunkundige arzneiliche Anwendung. In der Volksmedizin gilt Fingerhut nämlich als bewährtes Mittel gegen Herzschwäche.

Das Problem: Bei kaum einer anderen Pflanze ist das sogenannte therapeutische Fenster so klein wie beim Fingerhut. Das therapeutische Fenster ist der Bereich zwischen der kleinsten wirksamen und der kleinsten tödlichen Dosis. Heißt: Ein bisschen zuwenig, und der Herzpatient spürt keine Linderung. Ein bisschen zuviel, und der Herzpatient spürt nie wieder irgendetwas. Im ersten Fall gilt der Arzt als unfähig, im zweiten als vorbestraft.

Deshalb ließen die Mediziner bis 1775 ihre Finger vom Fingerhut. Dann kam der schottische Arzt ›William Withering. Eine seiner Patientinnen litt an herzschwächebedingter Wassersucht. Die Legende will es, dass sie ihm gestand, neben dem Schulmediziner auch noch eine „kräuterkundige Frau“ um Rat gefragt zu haben. Deren Elixier wirkte offenbar, doch die Kräuterfrau wollte Withering die Zutaten nicht verraten. Er ließ sie beschatten und fand so heraus, dass sie Fingerhutblätter für einen Aufguss sammelte. In den nächsten vier Jahren testete er an 160 Patienten Fingerhutpräparate in verschiedenen Dosen. Diese Experimentierfreude war vielleicht moralisch fragwürdig, aber medizinisch erfolgreich – Withering fand die perfekte Dosis, mit der sich der geschwächte Herzmuskel anregen lässt, sich stärker zusammenzuziehen.

Trotzdem blieb die Verwendung riskant und nicht ohne Nebenwirkungen. ›Vincent van Gogh soll unter solchen gelitten haben, nachdem er wegen Epilepsie mit (wahrscheinlich einer Überdosis) Fingerhut behandelt worden war. Zu den Symptomen gehören Wahrnehmungsstörungen; der Patient sieht die Welt durch einen „Gelbschleier“und nimmt Lichtringe wahr, die sich um Gegenstände legen. Das rückt das Spätwerk des Malers in ein völlig neues Licht. Wer weiß, vielleicht verdanken wir manches Meisterwerk in den für van Gogh so typischen Gelbtönen dem Roten Fingerhut. Oder gar dem weißen Roten …?


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