Ruthenische Kugeldistel

Ruthenische Kugeldistel

Botanisch ein Igel und keine Distel 

Wo liegt eigentlich Ruthenien? Auch mancher Geografie-Lehrer wird bei dieser Frage passen müssen, es sei denn, er interessiert sich auch für Geschichte – oder für Botanik. Denn die Antwort findet sich auf der Spurensuche nach der Herkunft der Ruthenischen Kugeldistel.

Woher stammt der Name „Ruthenische Kugeldistel“?

Dass die Ruthenische Kugeldistel eine Distel ist, erkennt auch der botanische Laie an den disteltypisch gezackten Blättern (so geht das deutsche Wort „Distel“ auf einen indogermanischen Begriff für „spitz“ bzw. „stechen“ zurück). Warum die Gattung „Kugeldistel“ heißt, dürfte beim Anblick der Blüten von Juli bis September ebenfalls niemanden in Erklärungsnöte bringen. 

Bleibt die Artbezeichnung „Ruthenisch“. Als Ruthenen wurden im 18. Jahrhundert mehrere ostslawische Bevölkerungsgruppen vor allem im Bereich der heutigen Staaten Ukraine, Polen und Weißrussland bezeichnet. „Ruthenien“ als Landschaftsname kam aus der Mode, lebt aber in Pflanzennamen, die in vorigen Jahrhunderten entstanden, fort.

Der botanische Name der Pflanze lautet „Echinops ritro“. Er lässt sich frei mit „Igelgesicht der Gärten“ übersetzen – auch dies angesichts der Blüten ein passender Name.

Woher stammt die Ruthenische Kugeldistel?

Wer den ersten Absatz gelesen hat weiß: aus Ruthenien. Wer gleich mit diesem Absatz in diesen Text eingestiegen ist, dem sei erläutert: aus Osteuropa. Das natürliche Verbreitungsgebiet der Ruthenischen Kugeldistel erstreckt sich von Tschechien und dem Balkan bis nach Russland. 

Mittlerweile wird die Art gezüchtet und ist auf der gesamten Nordhalbkugel beheimatet – in Gärten sowieso, weil sie aber leicht daraus verwildert, auch in freier Natur.

Wo finde ich Ruthenische Kugeldisteln im Botanischen Garten Gütersloh?

Im Apothekergarten. Eine Heilkur mit einem alkoholischen Auszug aus Kugeldistel-Samen wird in der russischen Volksmedizin traditionell zur Behandlung von Multipler Sklerose empfohlen. 

Wie pflanze ich Ruthenische Kugeldisteln im eigenen Garten?

Die Sommer in Ostwestfalen-Lippe werden tendenziell immer regenärmer und heißer. Im städtischen Fachbereich Grünflächen ist eines der wichtigsten Kriterien bei Neuanpflanzungen daher mittlerweile die Trockenresistenz. Die Frage bei der Entscheidung, welche Staude die Stadtgärtner in ein freigewordenes Beet pflanzen sollen, heißt also nicht mehr nur: Was sieht dort besonders schön aus? Sondern: Welche Art hat die Chance, dort zu überleben, ohne ständig gegossen werden zu müssen? 

Kugeldisteln werden damit auch in Zukunft im Botanischen Garten Gütersloh zu finden sein. Ihre langen Wurzeln reichen tief in die Erde, so dass sie länger als die meisten Beetnachbarn auf eine Extra-Ration Wasser verzichten können. Ohnehin sind sie äußerst anspruchslos und anpassungsfähig – ob lehmiger, steiniger oder sandiger Boden, Kugeldisteln wachsen überall. 

Wer hätt’s gedacht?

Haben wir oben geschrieben, dass die Kugeldistel „eine Distel“ ist? Haben wir – und dabei werden studierte Pflanzenkundler die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben. Denn einen Oberbegriff „Distel“, der Pflanzen mit bestimmten Merkmalen zusammenfassen würde, gibt es in der Botanik gar nicht. Er ist rein umgangssprachlich und kommt nur in den deutschen Trivialnamen der Pflanzen vor.

Der arglose Gartenfreund bezeichnet halt alle Pflanzen mit „so stacheligen Blättern“ als Disteln: Kugeldisteln, Golddisteln, Mariendisteln, Ringdisteln, Kratzdisteln, sogar Mannstreu oder Karden. All diese Pflanzen gehören aber keiner gemeinsamen Gattung an. Vielmehr gibt es ein Dutzend Pflanzengattungen, in denen „was mit Distel“ vorkommt. 

Da der Botanische Garten Gütersloh aber kein universitärer Lehrgarten ist, sondern 1912 bewusst als „Schaugarten für alle Schichten und Stände“ konzipiert wurde, ist und bleibt es völlig in Ordnung, ihn zu besuchen, um sich dort allerlei Disteln anzusehen.



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