September-Silberkerze

September-Silberkerze

Flaschenbürste als Wanzenschreck

Sie kommen spät, aber gewaltig: Den Sommer über haben sich die Silberkerzen im Botanischen Garten zurückgehalten, doch von September bis weit in den Oktober hinein leuchten ihre weißen Blütentrauben um die Wette. Während sich jeder Hobbygärtner den deutschen Namen der Staude herleiten kann, führt die botanische Bezeichnung auch unter Wissenschaftlern regelmäßig zu Irritationen und Diskussionen.

Woher stammt der Name „September-Silberkerze“?

Auf 1,40 und 1,80 Meter Höhe präsentieren die langstieligen Pflanzen dem Betrachter ihre schlanken Blütenähren, deren optische Wirkung von den cremeweißen Staubblättern ausgeht. Die bis zu 30 cm langen Blütenstände erinnern an Flaschenspülbürsten, trotzdem hat sich als Gattungsname nicht etwa „Cremeweißflaschenspülbürste“ durchgesetzt, sondern „Silberkerze“. Rund 30 Silberkerzen-Arten gibt es, von denen speziell eine im September zu blühen beginnt. Sie ahnen es: die September-Silberkerze.

Botaniker nennen die Staude „Actaea ramosa“. Der Pflanzenname „Actaea“ findet sich schon in der Natur-Enzyklopädie des römischen Schriftstellers Plinius dem Älteren. Ob der noch wusste, woher der Name stammt? Die heutigen Sprachforscher wissen es jedenfalls nicht mehr. Vielmehr streiten sie sich, ob er auf das Griechische „aktea“ für Holunder oder auf „aktara“ für Ulme zurückgeht und sich entsprechende Ähnlichkeiten in der Blattform finden lassen.

Bei Artnamen „ramosa“ herrscht dagegen Einigkeit, der heißt übersetzt „verzweigt, ästig“ und soll sich auf die Blütenrispen beziehen. Einer optischen Überprüfung hält der Name zwar nicht stand, aber wer die Pflanzenporträts auf dieser Seite kennt, kennt auch die Prinzipien der botanischen Nomenklatur: Der Name, der historisch vergeben wurde, kann noch so falsch geschrieben oder sinnfrei sein – eher stirbt die Pflanze aus, als dass ihr Name korrigiert wird.

Woher stammt die September-Silberkerze?

Silberkerzen sind auf der ganzen Nordhalbkugel verbreitet, die Heimat speziell der September-Silberkerze ist Kamtschatka. Dort, am östlichsten Ende Russlands, finden Wildbestände noch ausreichend Platz: Die Halbinsel ist größer als Deutschland, doch ihre Einwohnerzahl vergleichbar mit der von Bielefeld. Das Nachtleben übrigens auch.

Wo finde ich September-Silberkerzen im Botanischen Garten?

Im Staudenparterre des Heckengartens, neben dem Steingarten. Die spezielle Sorte, die dort zu finden ist, heißt ,Atropurpurea‘. Diesen Namen hätte sich die Band „Deep Purple“ gegeben, wenn die Hardrocker ein altsprachliches Gymnasium besucht hätten. Er beschreibt die dunkle, rotbraun-violette Färbung des Laubes und der Stängel, die einen beeindruckenden Kontrast zu den weißen Blütentrauben bildet. Wegen dieses attraktiven Farbenspiels werden Silberkerzen in Gärtnereien auch als Blattschmuckstaude vermarktet.

In der Nähe finden sich auch Juli-Silberkerzen der Sorte ,Blickfang‘. Weitere Silberkerzen wachsen hinter dem Palmenhaus-Café am Eingang zum Laubengang.

Wie pflanze ich September-Silberkerzen im eigenen Garten?

Die Silberkerze ist eine Waldstaude. Entsprechend gut eignet sie sich fürs Schattenbeet und kommt auch für die Bepflanzung unter Gehölzen in Frage. So der Boden stets ausreichend feucht ist, zeigt sie sich genügsam, wenn auch nicht besonders konkurrenzstark; in direkter Nachbarschaft von starkwüchsigen Pflanzen ziehen die Langstieligen den Kürzeren. Ansonsten erreichen sie mit bis zu zehn Jahren ein für Stauden beachtliches Alter. In der Zeit werden Sie nie wieder alleine sein: Der intensive Duft zieht Schmetterlinge magisch an.

Wer hätt´s gedacht?

Schmetterlinge fliegen auf Silberkerzen, aber andere Insekten kann man damit jagen. In älteren Fachbüchern werden die Duftstauden noch unter ihrem früheren botanischen Gattungsnamen „Cimicifuga“ geführt. Dieser setzt sich zusammen aus „Cimex“ = Wanze und „fuga“ = Flucht: Die Menschen füllten früher getrocknete Silberkerzen in Kissen und Polster, um Wanzen zu vertreiben, weshalb sie die Silberkerze auch „Wanzenkraut“ nannten.

Allerdings beurteilen nicht nur Insekten, sondern auch Menschen den Geruch der einzelnen Silberkerzen-Arten ganz unterschiedlich. Was die einen als angenehm empfinden, bezeichnen andere neutral als „kräftig“ und wieder andere als penetrant. Wem vom Geruch „blümerant“ wird, sollte Silberkerzen verständlicherweise nicht als natürliches Wanzenvertreibungsmittel in sein Kissen füllen, mag sich aber an einer Lebenserkenntnis trösten, die Goethe zugeschrieben wird: „Die Flöhe und die Wanzen gehören auch zum Ganzen.“


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