Scharbockskraut

Scharbockskraut

Vitaminbombe als verhinderter Grabschmuck

Ihr Nachbar mag kein Unkraut? Und Sie mögen Ihren Nachbarn nicht? Dann pflanzen Sie doch Scharbockskraut in Ihrem Garten! So haben Sie im Frühjahr einen vitaminreichen, farbenfrohen, winterdepressionsvertreibenden Blütenteppich, und Ihr Nachbar auch – ob er möchte oder nicht.

Woher stammt der Name „Scharbockskraut“?

„Scharbock“ ist die alte deutsche Bezeichnung für die Vitamin-C-Mangel-Krankheit Skorbut. Der Begriff dafür kommt wohl aus dem Niederländischen, wo die Krankheit „Scheurbuik“, wörtlich „wunder Bauch“, genannt wird. Die Krankheit trat vor allem bei Seeleuten auf, denen auf ihren Schiffsreisen über Wochen und Monate kein Obst und Gemüse zur Verfügung stand und die sich von lang haltbaren, aber vitaminarmen Lebensmitteln wie Zwieback ernährten. Auch in Notzeiten war Skorbut in früheren Jahrhunderten allgegenwärtig, als Begleiterscheinung von Unterernährung. So sehnten die Betroffenen den Frühling herbei, wenn sie mit einem Salat aus Scharbockskraut-Blättern den Skorbut bekämpfen konnten. Denn die Blätter der Pflanze sind eine wahre Vitamin-C-Bombe.

Allerdings währte die Freude über die gesunde Abwechslung auf dem Speiseplan nie lange: Schon ab März wird aus der Heil- eine Giftpflanze. Dann bildet sie ihre Blüten und zugleich in ihren Blättern das schleimhautreizende Protoanemonin. Der Salat schmeckt dann bitter und scharf und löst Übelkeit und Erbrechen aus. Ganzjährig gefüllte Obsttheken sind ein Luxus, von denen frühere Generationen nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Scharbockskraut im Stadtpark Gütersloh

„Ficaria verna“ ist der botanische Name des Scharbockskrauts, das im Deutschen alternativ auch Feigwurz genannt wird. „verna“ ist lateinisch für „Frühling“, „ficus“ heißt die „Feige“, aber auch die „Feigwarze“. ›Feigwarzen sind die Symptome einer sexuell übertragbaren Viruserkrankung, von der Schätzungen zufolge bis zu 2 Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung betroffen sind. Als Gegenmittel wurde früher der aus dem Wurzelstock des Scharbockskrauts gewonnene Saft auf die Warzen geträufelt. Die medizinische Nicht-Wirksamkeit ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Allerdings könnte das auf der Haut zu spürende Brennen des Safts einen ›Placebo-Effekt bewirkt haben. Den Skorbut im deutschen Namen trägt das Kraut allerdings mit größerer Berechtigung als die Feigwarze im botanischen.

Woher stammt das Scharbockskraut?

Das Scharbockskraut gehört zu den in unseren Breiten einheimischen Pflanzen und ist von Mitteleuropa bis zum Kaukasus zu finden. Besonders wohl fühlt es sich auf feuchten Wiesen, an Flussläufen und in Laubwäldern.

Wo finde ich Scharbockskraut im Stadtpark Gütersloh?

Das Scharbockskraut wächst in allen Teilen des Stadtparks auf den Wiesen und Rasenflächen und in den feuchteren Bereichen des Botanischen Gartens. Zwischen März und Mai ist es an den dottergelben Blüten zu erkennen, zumal gerade in den ersten Märzwochen nur wenige andere Pflanzen überhaupt Blüten entwickelt haben.

Scharbockskraut

Wie pflanze ich Scharbockskraut im eigenen Garten?

Mutmaßlich unter den misstrauischen Blicken mancher Nachbarn. Denn nicht wenige Gütersloher verteufeln Scharbockskraut als Unkraut und tun alles, um es aus ihrem Garten herauszuhalten. Und nicht nur die: In den USA gilt die Pflanze als unerwünschte invasive Art und wird sowohl mit natürlichen als auch leider mit chemischen Mitteln bekämpft. In der Tat ist Scharbockskraut recht ausbreitungsfreudig und seine vollständige Eindämmung ohne den Einsatz von Herbiziden ebenso mühsam (in jedem Fall) wie erfolglos (in den meisten Fällen).

Andererseits ist der Frühblüher ein bewährtes Mittel gegen den Winterblues: Nach den vielen grauen, kalten Wochen kann man sich an einem gelben Teppich aus blühendem Scharbockskraut eigentlich nur erfreuen. Wer seinen unkrauthassenden Nachbarn bekehren (oder ärgern) will, sucht der Pflanze einen eher feuchten, aber dennoch nicht zu schattigen Platz. Umso eher wird auch der Nachbar Scharbockskrautbesitzer.

Scharbockskraut auf der Hyazinthenwiese

Wer hätt´s gedacht?

Was den Deutschen ihr ›Joseph von Eichendorff, nämlich ein führender Vertreter romantischer Lyrik (auch wenn´s keiner mehr liest, eine Eichendorffstraße gibt es in jeder zweiten Kommune), ist den Engländern ›William Wordsworth. Britische Schüler dürfen sich auch 200 Jahre nach deren Entstehung durch Wordsworths empfindsame Gedichte analysieren, in denen der Meister oft Motive aus der Natur verwendete.

Die Lieblingspflanze des Poeten war, Sie ahnen es, das Scharbockskraut. Gleich ›drei ellenlange Gedichte reimte er zu dessen Ehren, und so beschloss man, ihm bei seiner Beerdigung im April 1850 blühendes Scharbockskraut auf sein Grab zu pflanzen. „Gut gemeint“ ist meist das Gegenteil von „gut gemacht”: Jemand hatte unglücklicherweise das ähnlich aussehende Schöllkraut besorgt, das dann als Grabschmuck verwendet werden musste. Das ist schon bitter: Einem der wenigen, die das „Unkraut“ zeitlebens zu schätzen wussten, blieb es am Ende verwehrt.



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