Rosskastanie

Rosskastanie

Bierkühler und Bienenampel

Wahrscheinlich geht die Rosskastanie im Botanischen Garten Gütersloh auf ein 1576 in Wien gepflanztes Exemplar zurück. Und das Exemplar in Ihrem Garten auch.

Woher stammt der Name „Rosskastanie“?

Überraschung: Die Rosskastanie ist gar keine Kastanie – jedenfalls nicht für Botaniker. Den Namensbestandteil „-kastanie“ trägt sie allein deshalb, weil ihre Früchte den Früchten der Edel- bzw. Esskastanie ähneln. Der volkstümliche Name „Rosskastanie“ dient zur Unterscheidung der für den Menschen ungenießbaren Samen von den essbaren Maronen.

Ob der Name daher stammt, dass ein zu Boden fallendes Blatt eine hufeiesenförmige Blattnarbe hinterlässt? Oder doch eher von der im 16. Jahrhundert verbreiteten Meinung, die Osmanen nutzten die Samen als Pferdefutter? Für letztere Theorie spricht, dass sich damals Osmanen, Samen und Name gleichermaßen von Istanbul bzw. Konstantinopel aus Richtung Mitteleuropa ausbreiteten. Dagegen spricht, dass trotz des Namens Pferde nicht wirklich scharf auf Rosskastanien sind und die Tiere bei Verzehr größerer Mengen Koliken und Krämpfe bekommen können. Wobei: Vielleicht scheiterten die Türken vor Wien auch an einer kampfunfähigen Kavallerie?

Im Pflanzenlexikon findet man den Baum unter „Aesculus hippocastanum“. Der Gattungsname „Aesculus“ war im Alten Rom die Bezeichnung für eine Eichenart. Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert vor der (freilich selbstgewählten) Mammutaufgabe stand, zehntausende Pflanzen zu benennen, war wahrscheinlich froh, sich einen Namen weniger ausdenken zu müssen, und pfiff aufs antike Urheberrecht. Der Artname „hippocastanum“ lässt sich 1:1 mit „Rosskastanie“ übersetzen

Woher stammt die Rosskastanie?

Die natürliche Heimat der Rosskastanie liegt in Kleinasien, im Kaukasus sowie auf der Balkanhalbinsel, in den Mittelgebirgen Griechenlands, Albaniens und Mazedoniens.

Trotzdem müsste man als korrekte Antwort auf die Frage nach der Herkunft auch „Wien“ gelten lassen. Denn der Leiter der kaiserlichen Gärten zu Wien, Hofbotaniker Carolus Clusius, säte 1576 als erster Mitteleuropäer erfolgreich Rosskastanien aus. Daraus entwickelte sich eine ganze Menge:

  1. die Samen zu prächtigen Bäumen,
  2. Wien zu einem Zentrum der Pflanzenzucht, zumal Clusius auch Tulpen, Kaiserkronen und Kartoffeln in Österreich einführte, und
  3. wahrscheinlich alle hierzulande von Menschen gepflanzten Rosskastanien.

Denn vom habsburgischen Hof aus gelangten fortan Samen an alle europäischen Fürstenhäuser, egal ob verwandt, befreundet oder verfeindet. Schon nach wenigen Jahrzehnten führten Rosskastanien-Alleen auf deutsche wie auf französische Schlösser zu.

Wo finde ich Rosskastanien im Stadtpark?

Ein schönes, noch junges Exemplar wächst auf der Wiese zwischen Apothekergarten und Dufttunnel.

Wie pflanze ich eine Rosskastanie im eigenen Garten?

Als Solitärbaum. Die Rosskastanie ist kein Waldbaum und steht lieber für sich allein. Angesichts einer Wuchshöhe von 30 Metern und einer ebenso breiten, ausladenden Krone hat ohnehin nicht jeder den Platz für einen Rosskastanienhain im Vorgarten.

Vor 1984 war die Pflege des Baumes kein Problem, doch in jenem Jahr entdeckte man in Mazedonien erstmals Larven eines Kleinschmetterlings: Miniermotten. Wie Mineure, die Stollen unter den Mauern einer Festung graben, bohren die Larven hauchdünne Gänge in die Blätter, welche dann oft schon im August braun werden und abfallen. Das Insekt breitete sich explosionsartig aus und ist längst auch den Stadtpark heimisch geworden.

Interessanterweise befällt es nur weißblühenden Rosskastanien, rotblühende Kastanien bleiben verschont. Kein chemisches oder biologisches Gegenmittel hat sich bisher als nachhaltig wirksam erwiesen. Die beste Methode, den Befalldruck zu minimieren, ist die möglichst vollständige Entsorgung des Laubes im Herbst.

Wer hätt´s gedacht?

Die Rosskastanie hält eine Nektarampel für Insekten bereit: Ihre Blüten bilden ein sogenanntes Saftmal, einen – zunächst gelben – Farbfleck. Nur die Blüten mit gelben Saftmal produzieren Nektar. Erlischt die Nektarproduktion, färbt sich das Saftmal rot – ein Signal für Bienen und Hummeln, dass der Besuch dort nicht lohnt. So leitet die Rosskastanie die Bestäuber sicher in die pollenspendenden Blüten.

Jeder einzelne Blütenstand kann im Verlauf eines Sommers mehr als 40 Millionen Pollen produzieren. Damit ist die Rosskastanie einer der pollenreichsten Bäume überhaupt – ein Schlaraffenland für Insekten, ein Alptraum für Allergiker

In Bayern gilt die Kastanie als „der“ Biergartenbaum – und das hat historische Gründe. Die Brauer Anfang des 19. Jahrhunderts bauten eisgekühlte Keller, um das bis April gebraute Bier den Sommer über frischhalten zu können. Darüber pflanzten sie Rosskastanien, die mit ihren dichten Kronen die Lagerstätten vollständig beschatteten und als Flachwurzler mit der geringen Bodentiefe über den Kellern gut zurecht kamen.

Später boten die Brauereien unter den Rosskastanien ihr Bier im Direktverkauf an – der Biergarten als eine frühe Form der Outlet-Stores war geboren. Das Gütersloher Brauhaus eröffnete 1990 und verfügte schon über moderne Kühlräume, so dass „Unter den Ulmen“ leider kein größerer rosskastanienbepflanzter Biergarten entstehen musste.



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