Lampionblume

Lampionblume

Laternen für die Toten

Sehr exotisch sehen sie aus, die bis zu 80 cm hohen Lampionblumen. Doch wie exotisch sie wirklich sind, ist völlig ungeklärt.

Woher stammt der Name „Lampionblume“?

Der Name leitet sich von dem lampionartigen Blütenkelch ab, der die Beeren der Lampionblume umgibt und der zur Reifezeit orange bis intensiv rot gefärbt ist.

Der botanische Name für die Pflanze aus der Gattung der Blasenkirschen lautet „Physalis alkekengi“. Der Gattungsname ist schon seit 2000 Jahren in Gebrauch, nachzulesen in den Werken Dioskurides. Der war nicht nur der berühmteste Pharmakologe der Antike, sondern auch Grieche, weshalb der Pflanzenname auf das griechische „physa“ = Blase zurückgeht und sich wie der deutsche Name auf die auffälligen Blütenkelche bezieht.

Kurios: Auch der Artname heißt nichts anderes. Er versucht, die Aussprache des arabischen Wortes al-kākanj für Blasenkirschen irgendwie in eine Buchstabenfolge zu bringen, die auch für europäische Zungen zu meistern ist. Frei übersetzt haben wir es also bei der Lampionblume mit einer blasenkirschigen Blasenkirsche zu tun.

Woher stammt die Lampionblume?

Was die Herkunft betrifft, tappen die Wissenschaftler ausgerechnet bei der Lampionblume im Dunkeln. Die gängigsten Meinungen bringen als mögliche ursprüngliche Heimat Kleinasien und China ins Gespräch. Der Fund von Lampionblumen-Samen in vorgeschichtlichen Erdschichten in Norfolk, England, und Neuchâtel, Schweiz, macht die Verortung nicht leichter. Durch die Globalisierung ist die Pflanze heutzutage überall zu finden, wo es trocken und warm ist.

Wo finde ich Lampionblumen im Botanischen Garten?

In den Beeten am Weg zwischen Geruchstunnel und Apothekergarten.

Wie pflanze ich Lampionblumen im eigenen Garten?

Weder als erster noch als einziger. Die Lampionblume ist in den Verkaufscharts der Gartencenter in den letzten Jahren steil nach oben geschossen. Kein Wunder: Sie vereint etliche Eigenschaften, die dem weniger begabten (oder sagen wir lieber: dem zeitlich anderweitig stark eingebundenen) Gartenbesitzer entgegenkommen. Lampionblumen sind anspruchslos, standorttolerant, pflegearm, winterhart und erfreuen überdies mit einer überdurchschnittlich langen Blütezeit, die von Juli bis Oktober währt.

Nicht zuletzt ist sie hochdekorativ. Und das nicht nur im Beet, sondern auch als Schnittblume oder im getrockneten Zustand. Auf Pinterest wird man mit Fotos von Lampionblumenblüten-Arrangements förmlich zugeschüttet. Wem die Staude also gefällt, der muss nichts weiter tun als sie gewähren lassen – über ihre unterirdischen Rhizome breitet sie sich schnell im ganzen Beet aus.

Wer hätt´s gedacht?

Das Obon ist ein buddhistischer Feiertag, entfernt verwandt mit dem christlichen Totensonntag. Doch während hierzulande die Lebenden die Toten auf den Friedhöfen besuchen, ist es in Japan andersherum: Die Ahnen bzw. deren Seelen kehren nach Hause zurück und weilen für eine Zeit wieder in der Mitte ihrer Familie. Um die Verstorbenen am Ende des Obon wieder zurück ins Jenseits zu geleiten, setzen die Verwandten kleine schwimmende Laternen in einen Fluss. Indem sie den Laternenschiffchen folgen, finden die Toten wieder zurück – aber wie finden sie her? Sie ahnen es: mit Lampionblumen! Die Blüten symbolisieren Laternen, mit denen die Familie ihre Ahnen zum Hausaltar lotst. Mit der Beere in ihrem Inneren stehen die Mini-Lampions zudem für das Essen, mit denen die Familie ihre Vorfahren während des Obon versorgt.

Mit dieser japanischen Tradition eng verbunden ist das Hōzuki-Fest (Hōzuki ist der japanische Name der Pflanze), das am 9./10. Juli im Sensō-ji-Tempel von Tokio gefeiert wird. Dort können Familien an mehr als 100 Ständen Lampionblumen für das Obon kaufen. Eine Legende aus dem 17. Jahrhundert will es, dass Gebete, die Gläubige zu diesem Fest sprechen, mit dem Faktor 46.000 multipliziert werden. Die Zahl klingt recht konkret für eine Legende, aber die Aussicht, mit einem Gebet das Gebetssoll für mehrere Jahrzehnte erfüllt zu haben, lockt Zehntausende an. Auch die Wirkung der Lampionblumen, die man auf dem Hōzuki-Fest ersteht, soll sich um das 46.000-fache steigern. Das lässt sich zwar nicht 1:1 aus dem Legendentext herauslesen, doch so interpretieren ihn Tokios Blumenhändler, und der Erfolg gibt ihnen Recht.

Gebete, die Sie im Botanischen Garten Gütersloh sprechen, werden nur mit dem Faktor 1 multipliziert, aber dort gibt es ja auch keine Blumen zu kaufen. Unsere Empfehlung: Besuchen Sie ihn trotzdem!


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