Graues Heiligenkraut

Graues Heiligenkraut

Lollies im Lavendelgarten

Das Graue Heiligenkraut ist hierzulande eine kleine Rarität. Obwohl hochdekorativ, wird es in Gärten und Parks nicht allzu häufig gepflanzt. Gut, dass es den Botanischen Garten Gütersloh gibt, wo der ungewöhnliche Halbstrauch zu bewundern ist. Im Juli und August bildet er an der Spitze seiner langen Stängel fluffige Blüten, die wie kleine, gelbe Lollies aussehen.

Woher stammt der Name „Graues Heiligenkraut“?

Gelber-Lollie-Strauch wäre daher ein sehr einleuchtender Name gewesen, aber Carl von Linné, der Gottvater der Pflanzennamenerfinder, entschied sich anders. Für die Gattung der Heiligenkräuter schuf er 1753 die Wortkreation „Santolina“ aus dem lateinischen „sanctus“ = heilig und „linum“ = Flachs. Als „heilig“ empfand er die Pflanze wegen ihrer zahlreichen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten, die Assoziation mit Flachs bleibt sein Geheimnis.

Speziell dem Grauen Heiligenkraut gab er dem Namen „Santolina chamaecyparissus“. „Chama“ ist griechisch für „am Boden“. Tatsächlich ist das Heiligenkraut im botanischen Sinne ein Zwergstrauch: Obwohl nur 30 bis 60 Zentimeter groß, verholzt es im Laufe der Zeit von unten her. So ist es sogar als Bonsai kultivierbar. „cyparissus“ verweist auf die Zypresse und bezieht sich auf das schimmernde, nadelartige Laub, das einen intensiven, wohlriechend harzigen Duft verströmt. Wir fassen zusammen: Für Carl von Linné war die Pflanze „zwergenwüchsig-zypressenähnliches Heiligenflachs“.

Da muss man sich nicht wundern, wenn der Volksmund alternative und vor allem kürzere Namen sucht und findet. „Graues Heiligenkraut“ heißt die Pflanze auf Deutsch, „grau“ wegen ihrer feinbehaarten, silbrig-filzigen Blätter, die aussehen, als wären sie mit Raureif überzogen, „heilig“ ihrer heilenden Kräfte wegen.

Einige Gartenbesitzer biedern sich auch von Linné an und nennen die Pflanze „Zypressenkraut“. Mit Zypressen hat sie allerdings botanisch gesehen nichts zu tun. Wobei die Engländer das Heiligenkraut „cotton lavender“ nennen, also „Baumwoll-Lavendel”, obwohl weder mit Baumwolle noch mit Labendel eine Verwandtschaft auch nur über drei Ecken besteht. Am sinnigsten machen es noch die Franzosen, bei denen die Pflanze umgangssprachlich „Garderobe“ heißt, wörtlich übersetzt „Kleidung bewachen“: Getrocknetes Heiligenkraut wirkt mottenabwehrend und wird als biologischer Mottenschutz genutzt.

Woher stammt das Graue Heiligenkraut?

Keine großen, aber größere Wildbestände wachsen in der westlichen Mittelmeer-Region, an felsigen und trockenen Hängen in Südeuropa und Nordafrika. Seit dem 16. Jahrhundert wird Heiligenkraut kultiviert, als Arznei- und Zierpflanze. Eine große Verbreitung erreichte es aber nie.

Wo finde ich Heiligenkraut im Botanischen Garten?

Im Steingarten sowie im Lavendelgarten. War dort ein englischer Stadtgärtner am Werk und wollte aus dem Lavendel- einen Baumwoll-Lavendel-Garten machen? Dafür reicht allerdings die gepflanzte Menge nicht, man muss ein bisschen suchen und findet den Zwergstrauch schräg hinter der Vogelvoliere.

Wie pflanze ich Heiligenkraut im eigenen Garten?

Im Abschnitt „Herkunft“ lasen Sie von „felsigen und trockenen Hänge in Südeuropa“. Das heißt ins Gärtnerdeutsch übersetzt: Heiligenkraut muss weder gedüngt noch gegossen werden. Und auch das Insektenschutzmittel können Sie im Giftschrank lassen, wo es ohnehin am besten aufgehoben ist: Mit ihren ätherischen Ölen schützt sich die Staude selbst wirkungsvoll vor Krankheits- und Schädlingsbefall und hält u.a. auch Schnecken fern.

Wer hätt´s gedacht?

Die ›Royal Horticultural Society (RHS), die Königliche Gesellschaft zur Förderung der Gartenkunst, verleiht eine unter britischen Gartenbesitzer vielbeachtete Auszeichnung: den Award of Garden Merit (AGM). Den erhalten solche Pflanzen, die a) den Garten erheblich aufwerten und die b) auch für Hobbygärtner problemlos anzubauen sind.

Praktisch! Denn der Gartenfreund auf den Britischen Inseln kann aus rund 100.000 Pflanzenarten wählen (das ist eine ähnliche Anzahl wie in Deutschland). Was ihm die Auswahl um 93% erleichtert: Nur 7.000 davon tragen die AGM-Plakette. Das sind nicht viele, denn die Zahl verteilt sich auf Obst, Gemüse, Bäume, Sträucher, Kletterpflanzen, Kakteen, Farne, Blumen und Stauden und dann auch noch auf verschiedenste Gartentypen. Für Steingärten empfiehlt die RHS was? Natürlich das Graue Heiligenkraut, wie es im „Botanischen“ wächst!

Wundert es da, dass der Stadtpark, der zudem nach Vorbild des englischen Landschaftsgarten gestaltet ist,  schon seit vielen Jahren mit dem britischen „Green Flag Award“ ausgezeichnet wird? Uns jedenfalls nicht.



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