Gelbe Kaukasus-Pfingstrose

Gelbe Kaukasus-Pfingstrose

Zungenbrecher zum Pfingstfest

Die Bibel beschreibt, wie die Apostel beim Pfingstgeschehen die Gabe erhalten, „in fremden Zungen“ zu reden. Diese Fähigkeit ist auch beim botanischen Namen der Gelben Kaukasus-Pfingstrose ganz praktisch: Um „Paeonia daurica subsp. mlokosewitschii“ fehlerfrei aussprechen zu können, muss man ansonsten schon polnisch-russischer Latein- und Altgriechisch-Lehrer sein.

Woher stammt der Name „Gelbe Kaukasus-Pfingstrose“?

Pfingstrosen heißen Pfingstrosen, weil ihre Blüte der von Rosen ähnelt und ihre Blütezeit meist um das Pfingstfest fällt. Das haben Sie wahrscheinlich auch schon vor Lektüre dieses Beitrags vermutet.

Die Gelbe Kaukasus-Pfingstrose, auch Mlokosewitschs Pfingstrose genannt, heißt so, weil der polnische Naturforscher Lutwik Mlokosewitsch 1897 im Kaukasus eine gelbe Pfingstrose fand. Da Pfingstrosen normalerweise rot, rosa oder (selten) weiß blühen, war ihm klar, etwas Besonderes gefunden zu haben. Er brachte Wurzelstöcke und Samen in den Botanischen Garten von Tiflis, wo man seinen Verdacht bestätigte. Ihm zu Ehren erhielt die neue Art den Namen „Paeonia mlokosewitchii“. Allerdings wurde der wackere Warschauer spätes Opfer der Globalisierung: Ein chinesisches Forscherteam degradierte vor einigen Jahren Mlokosewitschs Entdeckung zu einer Unterart der Krim-Pfingstrose. Seitdem bestellen Gärtner die Pflanze unter dem botanischen Namen „Paeonia daurica subsp. mlokosewitschii“ („subsp.“ steht für Subspezies).

Das tun sie allerdings nur schriftlich, aussprechen will und kann diese Buchstabenkarawane natürlich niemand. Englische Botaniker und Gartenfreunde haben sich daher einen pfiffigen Spitznamen für die Mlokosewitsch-Pfingstrose ausgedacht: Sie nennen sie „Molly the witch“ – klingt fast genauso, kommt aber wesentlich flüssiger über die Zunge.

Pfingstrosen werden auch als Päonien bezeichnet – gemäß ihres botanischen Gattungsnamen „Paeonia”. Der steht für den griechischen Heilgott Paian, der die medizinische Betreuung verwundeter Götter, Halbgötter und Helden übernahm. Weil man sich im Olymp regelmäßig zoffte, war sein Wartezimmer ähnlich überfüllt wie die Notaufnahme eines deutschen Krankenhauses. Doch anders als in deutschen Krankenhäusern hatte Lobbyisten der Pharmaindustrie bei ihm keine Chance, setzte er doch bei seinen Therapien ganz auf Heilpflanzen – wie die Pfingstrose. Der Sage nach heilte er mit Hilfe der Staude Hades, den Herrscher der Unterwelt, der im Duell mit Herakles den Kürzeren gezogen hatte.

Das „daurica“ im Gattungsnamen bezieht sich auf den Volksstamm der Dahuren (Achtung, Verwechslungsgefahr: „die Dahuren“ findet man in Russland, „die da huren“ auf der Vertriebsfeier der Hamburg-Mannheimer in Budapest).

Kaukasus-Pfingstrose

Woher stammt die Gelbe Kaukasus-Pfingstrose?

Das natürliche Verbreitungsgebiet von Mlokosewitschs Pfingstrose beschränkt sich auf den Kaukasus. Da können die Chinesen noch so oft behaupten, es handele sich um eine Krim-Pfingstrose …!

Wo finde ich Gelbe Kaukasus-Pfingstrosen im Botanischen Garten?

Im Sonnengarten, und das zu Recht. Die Stauden gedeihen an einem vollsonnigen Platz am Besten. Dank ihrer tief in den Boden reichenden Speicherwurzel brauchen sie auch nur wenig Wasser. Ein weiteres Exemplar wächst im Mediterranen Garten, am Durchgang zum Hecken-/Steingarten.

Wie pflanze ich Pfingstrosen im eigenen Garten?

Pfingstrosen sind pflegearm. Man kann sie gießen, düngen und zurückschneiden, muss es aber nicht. Eigentlich gehören Pfingstrosen zu den langlebigsten Blütenstauden in unseren Gärten. Die Pflanzen können über 50 Jahre alt werden, es sind sogar über 100-jährige Exemplare bekannt. Allzu oft aber rafft sie zuvor der Päoniengrauschimmel hinweg, eine fiese Pilzerkrankung. Wo ist Paian, wenn er gebraucht wird?

Wer hätt´s gedacht?

Die Pfingstrose als vermeintliche Heilpflanze – ein Kapitel für sich. ›Hildegard von Bingen empfahl um 1160 folgende Anwendung: „Nimm Päoniensamen und tauche sie in das Blut eines Blutegels und hülle dann die übelriechenden Samen in einen Teig aus Weizenmehl, und wenn jemand durch die Fallsucht zu Fall kommt, lege sie auf seine Zunge, und tue dies, so oft er durch diese Krankheit zu Fall kommt, und endlich wird er geheilt werden.“

Diesem Rat folgend, wurde die Pfingstrose noch bis ins 19. Jahrhundert hinein zur Behandlung von „Besessenen“ als Mittel gegen Epilepsie eingesetzt. Und noch heute gelten Blütenblätter und Wurzel der Pflanze als traditionelles Heilmittel gegen ein Dutzend Erkrankungen von Gicht bis Gastritis. Die Kommission E, die „wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (was es nicht alles gibt!) weist allerdings darauf hin, dass die Wirksamkeit in keinem dieser Bereiche erwiesen ist. Paian – am Ende doch nur ein Quacksalber und Scharlatan?

Und noch eine Wer-hätt´s-gedacht-Info: 26.000 Lichtjahre vom Botanischen Garten Gütersloh entfernt, nahe dem Zentrum unserer Galaxie im Sternbild Schütze, findet sich eine etwas größer dimensionierte Pfingstrose. Den Stern WR 102ka, einen der leuchtkräftigsten Sterne der Milchstraße, umgibt ein Nebel, dessen Erscheinung an die Blüten von Pfingstrosen erinnert. Botanisch aufgeschlossene Astronomen bezeichnen WR 102ka daher als „Pfingstrosennebelstern“.


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