Kissen-Aster

Kissen-Astern

Revolution im Asterngarten

Astern gelten als die Herbstblumen schlechthin. Während viele Pflanzen im Botanischen Garten längst verblüht sind, lohnt der Besuch des Asterngartens erst im Oktober so richtig.

„Ohne Astern, diesem brausenden Anziehungpunkt für Menschen und Insekten, ist der Herbst in einem der wichtigsten Punkte sang- und klanglos. Sie verklären den Mollklang des Herbstes.“
Karl Foerster (1874-1970), Staudenzüchter

Woher stammt der Name „Aster“?

Praktisch: Der deutsche Name ist gleichzeitig der botanische Gattungsname, das spart uns an dieser Stelle Platz. „Aster“ ist das altgriechische Wort für „Stern, Gestirn“ und beschreibt in diesem Fall die strahlenförmige Anordnung der Blütenblätter.

Im Asterngarten wachsen Kissen-, Glattblatt-, Raublatt- und Erika-Astern. Kurios: Drei dieser vier Pflanzenarten sind gar keine Astern. Lediglich die Kissen-Aster, botanisch aster dumosus („buschiger Stern“), trägt ihren Namen zurecht. Die anderen heißen nur im Deutschen so, weil sie früher der Gattung der Astern zugeordnet worden waren – heute zählen Botaniker sie zur Gattung „Symphyotrichum“. DNA-Analysen hatten Mitte der 1990er Jahre gezeigt, dass die angeblichen Astern eine eigenständige Gruppen bilden. Im Gartenhandel werden sie dennoch auf ewiglich als Astern etikettiert sein, der wer will schon etwas kaufen, was man nicht aussprechen kann? („Ich hätte gerne Symphi-, äh, Sympho- äh, ich nehme die Astern dahinten.“)

Woher stammen die Astern?

Pflanzen des Gattung Aster wachsen in fast 200 Arten in ganz Eurasien und z.T. auch in Afrika. Doppelt soviele asternhafte Arten (u.a. auch Glattblatt-, Raublatt-, Erika-) wachsen in Amerika, sind aber, wie oben beschrieben, in Wirklichkeit Sümfidingens-Pflanzen.

Asterngarten

Wo finde ich Astern im Botanischen Garten Gütersloh?

Die Astern haben einen eigenen Gartenteil: Im Asterngarten schmücken ab Oktober meist weiße, blaue und/oder violette Farbteppiche die Beete. Die Bepflanzung erinnert gartenkunstgeschichtlich an Gärten der Reformgartenbewegung. Diese gilt nach dem Englischen Landschaftsgarten als die zweite „Gartenrevolution“, die von Großbritannien ausging. So wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf der Insel die Blütenfarbe als Leitmotiv der Beetgestaltung modern, d. h. Gartengestalter bepflanzen Beete und Gartenräume z.B. nur mit rotblühenden Gewächsen. Dabei verzichteten sie auf Wechselbepflanzungen mit einjährigen Blumen und verwendeten stattdessen Stauden. Auch Steingärten wurden damals populär. Karl Rogge, der „Vater“ des Botanischen Gartens Gütersloh, stammte aus Hannover, hatte sein Handwerk aber in der britischen Botschaft in Südafrika gelernt. In der Kapkolonie war er mit internationalen Gartentrends in Berührung gekommen; die Inspirationen, die er dort gewann, flossen in seine Gestaltung der Gütersloher Anlage 1912 ein.

Der gartengeschichtliche Wert von Rogges Werk wurde nach dessen Tod 1958 nicht als solcher erkannt. Wie auch in der Gütersloher Innenstadt fiel vieles dem Zeitgeist der 1960er und 1970er Jahre zum Opfer. An der Stelle des Asterngartens befand sich plötzlich eine Pergola aus kesseldruckimprägnierten Hölzern, der Boden wurde mit Waschbetonplatten ausgelegt und Blaufichten (galten damals als der letzte Schrei) säumten die Anlage. Das alles torpedierte Rogges sorgfältig komponiertes Gartenkunstwerk. 1992 folgte die Rückbesinnung auf die ursprüngliche Gestaltung, die allerdings nur lückenhaft dokumentiert ist. Das Ergebnis ist der heutige Asterngarten, der, wo bekannt, nach den Plänen, ansonsten im Geiste Rogges angelegt wurde.
 

Sonnenuhr vor Asternbeet

Wie pflanze ich Astern im eigenen Garten?

Astern sind anfängertauglich und kommen in ostwestfälischen Breiten ohne allzu große Pflege aus. Längere Trockenheit bekommt ihnen nicht, was aber im Gütersloher Herbst eigentlich nie das drängendste Problem ist – Sie sollten die Stauden aber auch schon im Sommer vor der Blüte bisweilen gießen. Astern mögen die Herbstsonne. Damit ist in OWL leider nicht immer zu dienen. Um wenigstens den Anschein zahlreicher Sonnenstunden zu erwecken, hat man im Asterngarten eine Sonnenuhr ins Zentrum platziert … Nicht unwichtig: Astern sind bei Insekten äußerst beliebt und damit eine wertvolle ökologisch Bereicherung  Ihres Gartens.

Wer hätt´s gedacht?    

Am 28. Oktober 1918 kam es in Budapest zu Demonstrationen und Aufständen bürgerlich-demokratischer Kräfte. Im zerfallenden Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn wollten sie die Doppelmonarchie abschaffen und ein eigenständiges Ungarn gründen. Revolution! Militärs besetzten mit ihren Einheiten die ungarische Hauptstadt. Zum Zeichen, dass sie nicht länger für die k.u.k-Monarchie kämpfen würden, rissen sich die Soldaten ihre Doppeladler von den Uniformen. Spontaner und zugleich preisgünstiger Ersatz musste her – ein Symbol für das, was man kämpft, ist schließlich unverzichtbar. In die entstandenen Löcher steckte man daher eine Blume. Sie ahnen bereits welche, zumal Ende Oktober die Anzahl an blühenden Pflanzen überschaubar ist: Die Soldaten kämpften fortan mit Astern im Knopfloch. So gingen der Aufstand als Asternrevolution in die Geschichtsbücher ein. König Karl verzichtete auf die Staatsgeschäfte und die Volksrepublik Ungarn wurde ausgerufen.

Leider verblühen Astern irgendwann. Der Demokratie in der Volksrepublik war kein langes Leben beschieden, in schneller Folge verdrängten sie eine Räterepublik, ein autoritäres Regime und der Kommunismus (und im „illiberalen Staat“ unter Viktor Orbán sieht es auch nicht besonders gut für sie aus). Trotzdem kann man in der Aster ein Demokratie-Symbol sehen – das macht doch den Anblick des Asterngartens noch schöner.


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