Urweltmammutbaum

Urweltmammutbaum

Totgesagte leben länger

Ein Mammutbaum? Im Gütersloher Stadtpark? Sind das nicht diese Bäume aus den amerikanischen Nationalparks? Werden die nicht über 100 Meter hoch? Den müsste man doch schon von weitem sehen, oder? Ja, müsste man, wenn dort ein kalifornischer Küstenmammutbaum stünde. Es steht dort aber ein chinesischer Urweltmammutbaum. Das sind zwei Paar Schuhe bzw. Mammutbäume.

Kein Grund zur Enttäuschung! Der chinesische wird zwar längst nicht so hoch, hat aber die spannendere Geschichte. Anfang der 1970er Jahre wurden einige Exemplare an Ibrüggers Teich gepflanzt – und dieser Pflanzaktion ging nicht weniger als eine botanische Sensation voraus.

Woher stammt der Name „Urweltmammutbaum“?

Der Urweltmammutbaum galt nämlich bis vor 70 Jahren als ausgestorben. 1941 entdeckte der Urzeit-Botaniker Dr. Shigeru Miki von der Universität Kyoto einige bis dahin unbekannte, Millionen Jahre alte pflanzliche Versteinerungen. Sie ähnelten einem ›Küstenmammutbaum, botanischer Name „Sequoia“. Miki nannte die vermeintlich ausgestorbene Pflanzengattung daher „Meta-sequoia“. Fast zur selben Zeit entdeckten chinesische Forstbeamte lebende Exemplare, ohne zu wissen, auf was sie da gestoßen waren. Ihre gesammelten Proben blieben unbeachtet; mitten im Zweiten Weltkrieg standen Baumbestimmungen nicht im Fokus der Forschung.

Erst 1948 realisierten zwei Botaniker der Universität Nanjing die Verbindung zwischen Mikis Fossil und den Entdeckungen der Förster. Das „Fossil“ lebte – eine Sensation! Die Forscher sahen eine Ähnlichkeit des Baumes mit der Chinazypresse, botanischer Name „Glyptostrobus“. Und so nennen Botaniker den Baum heute „Metasequoia glyptostrobus“ – zu deutsch sehr frei übersetzt „chinazypressenartiger Schein-Küstenmammutbaum“.

Woher stammt der Urweltmammutbaum?

Nomen es omen: aus der Urwelt. Zu Zeiten der Dinosaurier gab es die Pflanzengattung in weiten Teilen der Nordhalbkugel. Heute gibt es Wildbestände nur noch als sogenannte Reliktpopulationen in Zentralchina. 1948 finanzierte die Havard Universität eine Expedition in China, um (die damals seltenen) Samen zu sammeln. Das Projekt war erfolgreich, seitdem schmücken Urweltmammutbäume Garten- und Parkanlagen auf der ganzen Welt .

Wo finde ich einen Urweltmammutbaum im Stadtpark?

Zwischen Dalkeauen und Ibrüggers Teich stehen nicht nur Eichen, Buchen und Birken, sondern auch exotischere Gehölze. Neben Tulpenbaum, Blasenesche, Amberbaum, Roteiche oder Sumpfzypresse wachsen dort auch einige Urweltmammutbäume.

Wie pflanze ich einen Urweltmammutbaum im eigenen Garten?

Mit Sinn für das Außergewöhnliche. Zum einen gehört der Baum – wie die Sumpfzypresse, die im Stadtpark direkt neben den „Mammuts“ steht – zu den wenigen Nadelbäumen, die im Winter ihr Laub verlieren. Zum anderen sparen Sie sich die Entwicklung einer Zeitmaschine, indem Sie sich das Mesozoikum in Ihren Garten holen; wenn Sie noch einen Ginkgo und eine Tulpen-Magnolie dazupflanzen, haben Sie einen hübschen Urzeit-Park.

Zudem gibt es – kein Witz – eine kleine, aber rege Mammutbaum-Community in Deutschland; Sie könnten sich also mit Gleichgesinnten austauschen, während Ihr Nachbar dicke Backen macht.

Was noch dafür spricht: Der Baum ist pflegeleicht, bodentolerant, schnittverträglich und frosthart. Einziges Manko: Urweltmammutbäume hat jetzt nicht jede Gärtnerei im Dutzend vorrätig. Aber bestellt werden kann ja heutzutage alles.

Wer hätt´s gedacht?

In China entstand nach der Wiederentdeckung der Pflanze eine „Mammutbaum-Manie“ – für die Gattung mit erfreulichen und tragischen Folgen zugleich.

Zuerst die gute Nachricht: Die Art, die schon als ausgestorben galt, ist längst in ihrem Bestand gesichert. In chinesischen Privatgärten wird der Baum ebenso gern und oft gepflanzt wie von Seiten der öffentlichen Hand an Straßen. Bei Pizhou bilden gar mehrere Hunderttausend Exemplare auf 47 Kilometern die längste Urweltmammutbaum-Allee der Welt.

Die schlechte Nachricht betrifft die Wildbestände: Selbst der größte natürliche Mammutbaumwald zählt nur wenige Tausend Bäume (Stichwort „Reliktpopulation“); und diese Ursprungszellen aller heute weltweit vorkommenden Exemplare sind wohl zum Untergang verurteilt. Übereifrige Zapfen- und Samensammler haben die natürliche Verbreitung zum Erliegen gebracht.


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