Tafelblatt

Tafelblatt

Von Pjöngjang nach Pavenstädt

Welche Pflanze im Botanischen Garten hat die größten Blätter? Keine Frage: das Mammutblatt aus Südamerika. Für Platz 2 in der Rangliste bewirbt sich ein Exot, den man hierzulande nicht allzu häufig sieht: das Tafelblatt.

Woher stammt der Name?

Wie groß war eigentlich die Tafel, an der König Artus und seine legendären Ritter der Tafelrunde Platz nahmen? In der Kathedrale von Winchester ist ›die (angebliche) Tafel zu bestaunen, 5,50 Meter im Durchmesser groß, ausgelegt für zwei Dutzend Edelleute. Aber was, wenn mal nicht alle Ritter Zeit hatten? Dann brauchte Artus einen kleineren Tisch, sonst blieben Plätze frei und das hätte hinterher auf dem Gemälde blöd ausgesehen. Als Vorlage für einen solchen Tisch, für eine Mini-Tafelrunde, böte sich das Tafelblatt an. Seine Blätter messen immerhin bis zu 90 cm. Vor allem aber sind sie relativ rund. Das unterscheidet sie vom Mammutblatt, das zwar noch größer, aber am Blattrand deutlich gezackter und damit für eine ritterliche Zusammenkunft im Grünen ungeeignet ist.

In Pflanzenlexika mit einem Redaktionsschluss nach 1919 findet man das Tafelblatt unter seinem botanischen Namen „Astilboides tabularis“. Der Gattungsname bedeutet „Astilbenartige“ und bezieht sich auf die Blüten, die in der Tat denen von Astilben (auf deutsch: Prachtspieren) ähneln. Angesicht der imposanten Blätter spielen die kleinen, weißen, eher unscheinbaren Blütenrispen allerdings nur eine Nebenrolle; auch bei der wissenschaftlichen Namensgebung wurde der Tisch bzw. die Tafel, lateinisch „tabula“, als Vergleichsobjekt herangezogen. Zu älteren Pflanzenlexika kommen wir später.

Woher stammt das Tafelblatt?

Wer wildwachsendes Tafelblatt sehen möchte, wird im nordöstlichen China fündig – oder in Nordkorea. Die Reise nach Pjöngjang ist allerdings mit reichlich Papierkram verbunden. Unser Tipp: Der Gang in den Botanischen Garten erspart den Gang durch die Behörden. Und auch ein Foto vom Tafelblatt dürfen Sie im Botanischen schießen, ohne dass gleichzeitig eine Statue vom Geliebten Führer auf dem Bild sein müsste (Beweis siehe hier).

Wo finde ich das Tafelblatt im Botanischen Garten?

In der Nähe des Alten Eingangs von der Badstraße aus.

Wie pflanze ich das Tafelblatt im eigenen Garten?

Mit Leidenschaft für Pflanzen, die ein wenig höhere Ansprüche an den Gärtner stellen als Fetthenne oder Brennnessel. Das Tafelblatt braucht nordkoreanische (Boden-, Standort- und Wetter-)Verhältnisse.

Die Staude mag es feucht, aber nicht nass. Sie darf unter keinen Umständen austrocknen, deshalb immer gut gießen, aber nicht zuviel, denn stehende Nässe verträgt sie nicht. Direkte Sonneneinstrahlung führt zu Verbrennungen an den Blättern. Das Tafelblatt braucht humus- und nährstoffreiche Böden, ohne Dünger kommt es auf sandig-saurer Erde, wie sie im Großraum Pavenstädt zu finden ist, nur schlecht zurecht. Wer all dies bedenkt und beachtet, die buschige Blattschmuckstaude hegt und pflegt, muss zudem noch geduldig sein. Das Tafelblatt wächst sehr langsam und braucht mehrere Jahre, um die Größe zu erreichen, wie man sie im Botanischen Garten bewundern kann. In dieser Zeit muss es von anderen Pflanzen freigehalten werden, die es sonst leicht überwuchern.

Sie merken: Es ist etwas für Liebhaber und Experten. Am Ende wäre es vielleicht doch leichter, die Einreise nach Pjöngjang zu organisieren.

Wer hätt´s gedacht?

Das Tafelblatt wurde relativ spät entdeckt (an dieser Stelle stets der Hinweis, dass es korrekt heißen muss: „Das Tafelblatt wurde von europäischen Botanikern relativ spät entdeckt“ – es wird genügen einheimische Chinesen und Koreaner gegeben haben, die die Pflanze lange vorher kannten, aber die zählen im Wissenschaftsbetrieb nicht).

Die Erstbeschreibung nahm der britische Botaniker William Botting Hemsley 1887 vor. Er meinte, eine neue Art des Steinbrechs vor sich zu haben. Mit Blick auf die riesigen Blätter widersprach der russische Kollege Wladimir Komarow 1904 und ordnete die Staude den Schaublättern (Rodgersien) zu. Mit Blick auf die riesigen Blätter, die aber bei den Schaublättern ganz anders geformt sind (nämlich gefingert und nicht rund), widersprach der deutsche Kollege Adolf Engler 1919. Er befand das Tafelblatt einer eigenen Gattung würdig. Engler galt als der führende Pflanzenkundler seiner Zeit und war als Träger der Linné-Medaille der Londoner Linné-Gesellschaft (und damit der höchsten Auszeichnung der ältesten naturforschenden Vereinigung der Welt) derart honorig, dass ihm niemand mehr zu widersprechen wagte. Seitdem findet sich das Tafelblatt in der Pflanzengattung „Tafelblatt“, es bildet eine eigene Gattung, die nur eine einzige Art umfasst: eben, „Astilboides tabularis“.

Ob in Nordkorea noch eine verwandte Art existiert, ist nicht völlig auszuschließen – wer danach sucht, kommt garantiert in den Weltnachrichten. Entweder, weil er sie gefunden hat. Oder weil er mit Fotoapparat im Grenzgebiet zu China aufgegriffen wurde. Der Ärger lohnt nicht  …


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