Rotes Seifenkraut

Seifenkraut

Seifenkraut – da weiß man, was man hat

Wie wäscht man eigentlich das Turiner Grabtuch – bei 30, 60 oder 90 Grad? Wer historische Textilien zu reinigen hat, dem bietet Seifenkraut einen entscheidenden Vorteil.

›„Ist das neu?“ „Nein, mit Seifenkraut gewaschen!“ Während die Menschen schon seit zwei Jahrtausenden bei der Textilpflege von Seifenkraut profitieren, erfreuen sich die Besucher des Botanischen Gartens zwischen Mai und Juli an der Blütenpracht der Wildstaude.

Woher stammt der Name „Rotes Seifenkraut“?

Mit seinen rosaroten Blütenschleppen bringt das Rote Seifenkraut Farbe in triste Trockenmauern. „Seifenkraut“ heißt die Pflanze, weil ihre Wurzeln Saponin enthalten. Dieser Inhaltsstoff schäumt in Wasser wie Seife und wirkt reinigend.

Der botanische Name „Saponaria ocymoides“ weist in dieselbe Richtung: Das lateinische „Sapo“ heißt „Seife“. „ocymoides“ bedeutet „basilikumähnlich“ und bezieht sich auf  die Blätter.

Rotes Seifenkraut

Woher stammt das Rote Seifenkraut?

Das Rote Seifenkraut ist eine europäische Gebirgspflanze. Man findet es in den Pyrenäen, auf Korsika, im Apennin und in den Alpen. Dort besiedelt es trockene Hänge, Felsschuttfluren, Böschungen und lichte Wälder. Dem menschlichen Einfluss hat es sich durch die Besiedlung von Mauern angepasst.

Wo finde ich Rotes Seifenkraut im Botanischen Garten Gütersloh?

Viel Gebirge hat Gütersloh nicht zu bieten, im Steingarten hat das Seifenkraut einen Felsquader als Alpenersatz in Beschlag genommen.

Wie pflanze ich Rotes Seifenkraut im eigenen Garten?

Ihrem natürlichen Lebensraum gemäß ist die Wildstaude recht anspruchslos. Sie gedeiht sogar, wenn Sie sie in schattigem Kies pflanzen, nicht düngen und nicht gießen. Wollen Sie aber üppige, reichblühende Blütenkissen im Garten sehen, gönnen Sie der Pflanze einen sonnigen Platz im Staudenbeet, etwas Kompost und in Trockenperioden einen Schluck aus der Gießkanne.

Wer hätt´s gedacht?

Seifenkraut wird schon seit der Antike als sanfter Seifenersatz genutzt. Seine milde Wirkung ist je nach Wäschestück und Verschmutzungsgrad Vor- oder Nachteil. Sind die Blagen mit ihren Plüdden in die ›Motsche gefallen, wird die verschmutzte Kleidung in einem Seifenkrautbad vielleicht nass, aber nicht zufriedenstellend sauber. Hat man hingegen empfindliche Stoffe zu reinigen, eignet sich die milde Seifenkrautlauge viel besser als die chemische Vollwaschmittel-Keule.

So nutzten einst die Römer, natürlich auch in Ermangelung heute üblicher 3in1-Color&Style-Farbschutz-PowerMix-Megaperl-Tabs, Seifenkraut zum Waschen von Wolle und von Kleidern mit wertvollen Farben. In der Neuzeit wurde es bewusst in der Nähe von Wollspinnereien und -webereien angebaut, um es zum Waschen der Wolle bzw. neu gewebten Tuchs zur Hand zur haben. Im Gegensatz zu modernen Waschmitteln, die das ›Wollwachs (Lanolin) aus dem Vlies waschen, behält mit Seifenkraut behandelte Wolle etwas Lanolin, was sie leicht wasserabweisend macht. Noch heute wird Seifenkraut von Museums-Konservatoren für die Reinigung historischer Textilien verwendet. Sowohl Stoffproben des ›Turiner Grabtuchs als auch der unschätzbar wertvolle ›Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert, Bestandteil des Weltdokumentenerbes, wurden vorsichtig mithilfe von Seifenkraut gereinigt.

Nun enthält die Wildstaude das waschaktive Saponin aber nicht aus Menschenliebe, und auch das Weltdokumentenerbe lässt sie kalt. Eigentlich dient es ihr als Abwehrmittel: Sie schützt sich damit gegen Pilzbefall und Insektenfraß. Das Saponin ist z.B. giftig für Läuse, so dass Seifenkraut heute – von Besitzern mittelalterlicher Wandteppiche abgesehen – kaum noch zur Textilpflege, wohl aber in Form von Seifenkrautjauche zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt wird. Einmal mehr erstaunlich, was eine in der Blütenfülle des Botanischen Gartens oft übersehene Pflanze alles zu leisten imstande ist.


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