Rispiger Blasenbaum

Rispiger Blasenbaum

Lampions am Lehrergrab

Mandala, das asiatischen Kaiserreich aus Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf“, wird gemeinhin mit China gleichgesetzt. Aber vielleicht liegt es doch in Gütersloh? Zumindest der Rispige Blasenbaum im Botanischen Garten sieht aus, als hätten ihn die winzigen Einwohner Mandalas für ihr Lampionfest geschmückt. Ab September bildet der exotische Baum auffällige „Blähfrüchte“, die Miniatur-Laternen aus Papier ähneln.

Woher stammt der Name „Rispiger Blasenbaum“?

Diesen „aufgeblasen wirkenden Fruchtkapseln verdankt der Blasenbaum, auch Blasenesche genannt, seinen Namen. Es gibt drei Blasenbaum-Arten; im Botanischen Garten steht ein Exemplar des Rispigen Blasenbaums. Der heißt so, weil er im Juli und August bis zu 30 cm lange Blütenrispen bildet. Sowohl seine leuchtend gelben Blüten als auch sein farbintensives Herbstlaub haben ihm im Englischen den Namen „Golden rain tree“ (Goldregenbaum) eingebracht.

Der wissenschaftliche Namen „Koelreuteria paniculata“ ist ›Joseph Gottlieb Kölreuter gewidmet. Der Professor für Naturgeschichte erwarb sich diese Ehre durch Pflanzenkreuzungen, die er 1759 als Erster nach wissenschaftlichen Methoden durchführte. Heute gilt er als Pionier der botanischen Genetik, zu Lebzeiten stieß sein Forscherdrang indes nicht überall auf Verständnis. Als Direktor der fürstlichen Gärten zu Karlsruhe musste er sich sogar mit intriganten Hofgärtnern herumärgern, die seine Versuchsreihen sabotierten. Kölreuter kündigte.

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Von nun an pflanzte, züchtete und forschte er im eigenen Heim. Dort wurden seine Gartenexperimente leider dadurch erschwert, dass er keinen Garten besaß – er wohnte in der Karlsruher Innenstadt. Bald bevölkerten Dutzende Topfpflanzen seine Wohnung. Wie begeistert seine Frau darüber war, ist nicht überliefert, aber wünschen sich nicht alle Frauen, dass ihr Mann Blumen mit nach Hause bringt? Frau Kölreuter dürfte sich also nahezu täglich sehr gefreut haben, wenn auch nach der 82. Topfpflanze mit leicht abnehmender Tendenz. Die Forscherkollegen blieben gleichbleibend entzückt und verewigten ihren Mann in der Pflanzengattung der Blasenbäume

Der Artname ist lateinischen Ursprungs: „paniculátus“ heißt rispig.

Woher stammt der Rispige Blasenbaum?

Die Assoziation mit Mandala, das im literarischen Werk Michael Endes für China steht, ist durchaus richtig: Der Rispige Blasenbaum stammt ursprünglich aus Ostasien. 1747 gelangte er über französische Jesuiten erstmals nach Europa. 1809 erhielt US-Präsident Thomas Jefferson Blasenbaum-Samen als Geschenk aus Frankreich. Seitdem wird der Baum in ganz Europa und Nordamerika als Zierbaum verwendet, gehört er doch zu den wenigen Bäumen, die 1. leuchtend gelb und 2. erst ab Ende Juli blühen – da kann kein Parkdesigner widerstehen.

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Wo finde ich einen Blasenbaum im Botanischen Garten?

Zentral in Sichtweite des Kugelahorns mit Rundbank, vor dem „Eingang“ zum Laubengang aus Hainbuchenhecken.

Wie pflanze ich einen Blasenbaum im eigenen Garten?

Auch als Anfänger. Der Blasenbaum kann prinzipiell sich selbst überlassen werden und kommt meist ohne Zusatz von Dünger und Wasser zurecht. Junge Bäume sollten Sie vor Frost schützen, ältere sind winterhart. Bisweilen unterschätzen Besitzer eines jüngeren Blasenbaums die Ausmaße eines älteren Exemplars. Blasenbäume werden 5, manche Exemplare auch 8 Meter hoch. Die dichte Krone breitet sich schirmartig in ähnlicher Breite aus. Der handtuchgroße Garten eines typischen Neubaugebietes in Gütersloh ist damit komplett beschattet.

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Wer hätt´s gedacht?

Während der chinesischen Zhou-Dynastie, deren Anfänge 3.000 Jahre zurückliegen, entwickelten sich Regeln zur Grabbepflanzung. Überliefert sind fünf Bäume, die bestimmten Personenkreisen zugeordnet wurden: Eine Kiefer war dem königlichen Grab vorbehalten, Mitglieder der königlichen Familie ruhten unter Lebensbäumen, Mitglieder des Hofstaates unter Schnurbäumen, das einfache Volk durfte Pappeln pflanzen. Blasenbäume aber schmückten die Grabstätten von Weisen, Wissenschaftlern und Gelehrten.

In Ermangelung von Königshöfen ist die Grabbepflanzung mit Kiefern, Lebens- und Schnurbäumen deutlich rückläufig, doch die Tradition der Blasenbaumpflanzung hat sich an manchen Orten Chinas über die Jahrtausende erhalten. Doch sind die Kriterien, wer als „weise“ und „gelehrt“ gilt, heute weniger streng als unter den Zhou-Königen. Die Blütenpracht eines Blasenbaums ist also kein Garant dafür, am Grab eines Nobelpreisträgers zu stehen. Stattdessen kann dort auch ein zeitlebens überforderter Pädagoge seine letzte Ruhe gefunden haben: Grabstätten im Blasenbaum-Schatten sollen bei Lehrern sehr beliebt sein. Ob das in jedem Fall gerechtfertigt ist, weiß allein Konfuzius …


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