Kleine Traubenhyazinthe

Kleine Traubenhyazinthe am Palmenhaus

Für eine Handvoll Traubenhyazinthen

Vor 450 Jahren hätten Sie als Besitzer einer Kleinen Traubenhyazinthe reich werden können. Andererseits hätten Sie als Normalverdiener wahrscheinlich Ihr Lebtag keine Traubenhyazinthe zu Gesicht bekommen, nicht einmal eine Kleine. So halten sich aus botanischer Sicht Vor- und Nachteile der späten Geburt die Waage.

Woher stammt der Name?

Warum die Hyazinthe Hyazinthe heißt, haben wir schon in der Folge zur Garten-Hyazinthe beschrieben. Wir müssen die Namensherkunft an dieser Stelle auch deshalb nicht ausführlicher behandeln, weil die Traubenhyazinthen botanisch gesehen gar nicht den Hyazinthen zugerechnet werden, sondern eine eigene Gattung bilden. Ihr wissenschaftlicher Name lautet „Muscari botryoides“ (und nicht etwa „Hyacinthus irgendwassus“).

Der Gattungsname „Muscari“ stammt vom Griechischen „muschos” für Moschus und bezieht sich auf den leichten, aber einprägsamen Duft der Blume. Wer diese Duftrichtung als Deo verwendet, der sei darauf hingewiesen, dass der Duftstoff auf einem Sekret aus dem Moschusbeutel (zwischen Nabel und Penis gelegen) des männlichen Moschushirschen basiert. Der Duft wird aus Gründen des Artenschutzes heute synthetisch hergestellt, es ist dennoch erstaunlich, was wir Menschen als Parfum benutzen, um nicht so zu riechen wie wir selbst. Sondern wie ein Hirsch untenrum. Oder eben wie eine Traubenhyazinthe, das klingt doch schon besser.

Apropos, der Artname „botryoides“ bedeutet „traubenförmig“. Er bezieht sich wie der deutsche Name auf den auffälligen Blütenstand, der an auf den Kopf stehende Weintrauben erinnert.

Die „Kleine“ Traubenhyazinthe wird rund 20 cm hoch, andere Arten schaffen es auf 30 bis 40 cm.

Traubenhyazinthen-Blüte im Mediterranen Garten im April, wenn die exotischeren Pflanzen noch in den Gewächshäusern stehen

Woher stammt die Pflanze?

Ursprünglich aus Kleinasien und Umgebung. Traubenhyazinthen waren vor dem 16. Jahrhundert nur zwischen Ägypten und dem Kaukasus zu finden. Mittlerweile schmücken sie Wiesen und krautreiche Wälder in ganz Europa, vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer.

Was ganz gut zu ihrem Namen passt: In Weinbaugebieten wächst die Traubenhyazinthe häufig in den Weinbergen zwischen den Rebstöcken.

Wo finde ich die Kleine Traubenhyazinthe im Botanischen Garten?

Auf den Wiesen, im Apothekergarten, im Steingarten, im Mediterranen Garten. Eigentlich überall.

Wie pflanze ich die Kleine Traubenhyazinthe im eigenen Garten?

Ein bisschen Dünger, ein bisschen Wasser, dann ist die Kleine Traubenhyazinthe schon zufrieden. Sie ist relativ anspruchslos und kommt trotz ihrer Herkunft aus südlicheren Gefilden mit dem Klima in unseren Breiten bestens klar – so gut jedenfalls, dass sie sich schnell ausbreitet und verwildert. Die Traubenhyazinthe zählt zu den Gartenflüchtlingen. So nennen Botaniker Pflanzen, die in einer Region ursprünglich nicht heimisch sind, sondern vom Menschen gezielt eingeführt und dort angepflanzt wurden und die es durch ihrer Ausbreitungsstrategie geschafft habenen, sich in der freien Natur anzusiedeln und fortzupflanzen.

Und welche ist die Ausbreitungsstrategie im Fall der Kleinen Traubenhyazinthe? Sie setzt bei der Verbreitung ihres Samens auf den Regen, was ihr hierzulande zugute kommt. Die Öffnungen ihrer Kapseln weisen nach oben, so dass der Samen bei darauf fallenden Regentropfen herausgeschleudert werden. Botaniker  bezeichnen diese Regenausbreitung als „Ombrochorie“ und bekommen von Nicht-Botanikern daraufhin meist ein Hustenmittel empfohlen.

Wer hätt´s gedacht?

Die Kleine Traubenhyazinthe hat trotz ihrer Ausbreitungsstrategie den Sprung nach Mitteleuropa nicht aus eigener Kraft geschafft. Sie gehörte zu den Pflanzenarten, die in der sogenannten orientalischen Periode – ein in der Gartenkunst feststehender Begriff – zwischen 1560 und 1620 aus der Türkei und dem Nahen Osten eingeführt wurde.

Den Anfang nahm die Modewelle wohl mit einer Tulpe im Gepäck eines Habsburger Diplomaten, der von Konstantinopel nach Wien reiste. Das war 1554. Danach wollte jeder, der es sich leisten konnte oder zumindest so wirken wollte, als könne er es sich leisten, auch solch eine exotische Pflanze sein eigen nennen. In der Folge explodierten die Preise für Tulpen, Narzissen und andere Hyazinthengewächse, und auch die Traubenhyazinthe fand sich in den Gärten der sozial gehobenen Schichten des Bürgertums und der Aristokratie.

Für den Traubenhyazinthen-Bestand im Stadtpark, der freilich damals noch nicht existierte, hätte die Stadt Gütersloh, die damals freilich auch noch nicht existierte, mehrere Dutzend Feuerwachen finanzieren können, wahrscheinlich sogar mit Blattgold überzogen. Die Sparkasse Gütersloh-Rietberg hätte mit einem einzigen Beet Christoph Bender abfinden können, und der FC Gütersloh wäre – na, wir wollen nicht übertreiben, soviele Hyazinthen, wie man zur Rettung des FCG gebraucht hätte, gab es damals in ganz Europa nicht. Jedenfalls wurden die Pflanzen zu Spekulationsobjekten, was in den Niederlanden zur sogenannten Tulpenmanie führte und in einer Spekulationsblase endete, die viele bürgerliche Existenzen zerstörte.

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