Gewöhnliche Waldrebe

Waldrebe

Alles fest im Griff

Lianen? Das sind doch die Pflanzen, mit denen sich Tarzan im Urwald von Baum zu Baum schwingt! Doch nutzt der Dschungelheld – Achtung, Besserwisser-Info! – in Wirklichkeit keine Lianen, sondern ›Hemiepiphyten, also Pflanzen, die auf Bäumen wachsen und dann Wurzeln Richtung Erdboden entwickeln. Lianen hingegen nehmen den umgekehrten Weg; sie wurzeln in der Erde und klettern an einem Baum in die Höhe.

Eine Liane, die auch in unseren Breiten vorkommt, ist die Gewöhnliche Waldrebe. Mit ihrem armdicken Stamm kann sie zu einer großen, bisweilen lebensbedrohlichen Belastung für den Baum werden, den sie als Rankhilfe nutzt. Da kein Tarzan ihn von der unfreiwilligen Last befreien wird, muss ein solcher Baum auf fleißige und aufmerksame Gärtner hoffen – wie sie im Gütersloher Stadtpark arbeiten.

Woher stammt der Name?

Als „Clematis vitalba“ ist die Gewöhnliche Waldrebe bei Botanikern bekannt. Mit dem wissenschaftlichen Gattungsname Clematis bezeichneten die alten Griechen und Römer viele kletternde Pflanzenarten. Wörtlich übersetzen kann man den Begriff mit Ranke, Sprossachse oder auch Weinzweig. „Vitalba“ ist aus dem Lateinischen „vitis alba“ = „weiße Rebe“ zusammengezogen und bezieht sich auf die Blütenfarbe. Schöner als der deutsche Name „Waldrebe“ ist der englische: „Old man´s beard“ (Altmännerbart) heißt die Pflanze im angloamerikanischen Sprachraum.

Woher stammt die Waldrebe?

Die Gewöhnliche Waldrebe wächst überall auf der Welt, bevorzugt in den gemäßigten Klimazonen. Die Liane klettert bis zu 15 Meter hoch und kann die so umschlungenen Pflanzen durch ihr Gewicht und den Lichtentzug bis zum Absterben schädigen. In Neuseeland, wo die Gewöhnliche Waldrebe Anfang der 1920er Jahre als Zierpflanze eingeführt wurde, klassifizierte die Regierung sie 2001 in ihrer ›„Nationalen Schadpflanzen-Vereinbarung“ als „unerwünschte Art“. Weil sie die heimische Pflanzenwelt bedrohe, darf sie im Inselstaat weder gezüchtet noch gehandelt noch sonstwie verbreitet werden.

Wo finde ich Waldrebe im Botanischen Garten?

Im Sonnengarten und auf der Wiese davor. Dort darf sie sich an einem Rankgerüst und an Spanndraht austoben, in sicherer Entfernung des historischen Baumbestands.

Eine andere Art, die Berg-Waldrebe (Sorte ‚Pink Perfection‘), bereichert optisch undolfaktorisch den Geruchstunnel.

Fruchtstände im Januar

Wie pflanze ich Gewöhnliche Waldrebe im eigenen Garten?

Die Frage müsste diesmal heißen: Warum pflanzen Sie Gewöhnliche Waldrebe im eigenen Garten? Sie holen sich damit für die nächsten 25 Jahre einen zum Wuchern neigenden Kletterstrauch aufs eigene Grundstück, den Sie im Griff haben müssen, denn anderenfalls hat er schnell Ihren Garten im Griff. Zu allem Überfluss ist der Blütenduft zwar nicht allzu stark, erinnert aber bei näherem Riechen an Mäuseurin..

Wenn Sie von Ihrem Vorhaben dennoch nicht abzubringen sind, halten Sie Ihre Gartenschere griffbereit! Das gilt umso mehr, wenn Sie als Standort keine Hauswand oder Rankhilfe gewählt haben, sondern einen Baum. Im frühen Frühjahr sollten Sie die Waldrebe großzügig beschneiden, wenn Sie möchten, auch radikal bis auf einen halben Meter über den Boden kürzen. Dann haben Sie zwei Monate Ruhe, bevor im Mai die Wachstumsperiode beginnt und Sie dem starkwüchsigen Kletterer bei seiner Lieblingsbeschäftigung förmlich zuschauen können. Sich bildende Samenstände sollten Sie stets sofort zurückschneiden.

Wer hätt´s gedacht?

Wucherer, Schadpflanze, unerwünschte Art und Mäuseurin – dies war bislang für die Gewöhnliche Waldrebe kein besonders schmeichelhafter Artikel. Ist sie denn zu gar nichts nutze? Aber doch – und das wussten schon unsere Urahnen: Funde belegen die steinzeitliche Verwendung der zähen Stängel als Seile, u.a. bei Pfahlbauten. Im Mittelalter benutzte man die Pflanze zum Flechten von Körben und auch, um Garben zu binden, weil Mäuse in der Regeln nicht daran nagen. Manche Bettler sollen sich damals mit dem leicht giftigen Pflanzensaft eingerieben haben, um Entzündungen auf ihrer Haut herbeizuführen – im Kampf um das Mitleid der Bürger wollten sie so mit Leprakranken konkurrieren können.

Bis heute ist die Pflanze bei Floristen beliebtes Basismaterial für Kränze. Nicht nur im Alpenraum machen einige Jugendliche ihre ersten Rauchversuche mit getrockneten Waldreben-Stängeln. Und um schließlich auf Ihren Garten zurückzukommen: Als Lohn für Ihr regelmäßiges Stutzen und Schneiden wird die Waldrebe Ihr Grundstück im Sommer mit ihren auffälligen Blüten und im Herbst mit ihren herzförmigen Blättern und ihren ungewöhnlichen wolligen Fruchtständen schmücken.


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