Berufkraut

Berufkraut Feinstrahl

Beruf verfehlt und doch erfolgreich

Viele Gärtner raten davon ab, Berufkraut zu pflanzen: Die meisten Arten gehörten nicht nach Europa und vermehrten sich massenhaft, was die heimische Pflanzenwelt gefährden könne. Doch wozu gibt es den Botanischen Garten? Damit man sich auch dann an den gänseblümchenähnlichen Blüten erfreuen kann, wenn man die Pflanzen nicht im Garten bzw. keinen Garten für die Pflanzen hat.

Woher stammt der Name „Berufkraut“?

Von Beruf Kraut – was soll das denn heißen? Alle anderen Pflanzen sind Amateure und stehen in ihrer Freizeit rein aus Spaß ein bisschen im Beet herum, und nur das Berufkraut ist Profipflanze und lässt sich seine Blüte vom Gärtner bezahlen? Nein, „Berufkraut“ hat nichts mit Arbeit und Job zu tun. Der Name entstammt dem Volks- und Aberglauben, die Pflanze besäße die Kraft, Menschen vor dem „Berufen“, d.h. dem Verhexen und Verfluchen durch Hexen und Zauberer zu schützen.

Berufkraut-Büschel wurden in Häuser und Ställe gehängt, damit Hexensprüche bei Bewohnern und Vieh keine Wirkung zeigen konnten. Wer vom Bösen Blick getroffen worden war,setzte sich einer Waschung oder Räucherung mit Berufkräutern aus. Da man nie sicher sein konnte, ob schreiende Säuglinge nicht vielleicht von einer dunklen Macht befallen wäre, badete man sie im 16. Jahrhundert vorsichtshalber in Berufkraut-Tee. Psychisch Kranken und geistig Behinderten band man einen Kranz aus Berufkraut um die Stirn, auf dass die inneren Dämone angesichts dieses Gegenzaubers aus den Körpern flüchten sollten. Auch wenn die Volksmedizin viele Heilpflanzen kannte, deren Wirkung später wissenschaftlich nachgewiesen wurde – in diesen Fällen entlarvte die Schulmedizin die Wirksamkeit der Berufkräuter als „Fake news“.

Der botanische Gattungsname „Erigeron“ setzt sich aus den griechischen Wörtern für „früh“ und für „Greis“ zusammen. Die „Frühvergreisung“ beschreibt die bald nach der Blütezeit erscheinenden weißen Haare der Früchte.

Woher stammen die Berufkräuter?

Berufkräuter wachsen in den gemäßigten Gebieten der Nordhalbkugel, vornehmlich in Nordamerika.

Wo finde ich Berufkraut im Botanischen Garten?

In den Beeten zwischen Laubengang und Apothekergarten wachsen Berufkraut-Hybriden, Züchtungen aus zwei Arten. Die als Garten-Feinstrahl ‘Adria‘ bezeichnete Sorte bildet im Mai/Juni blau-violette Blüten, die Sorte ‘Sommerneuschnee‘ von Juni bis August erwartungsgemäß weiße.

Wie pflanze ich Berufkraut im eigenen Garten?

Berufkräuter sind unkaputtbare Wildblumen. Längere Trockenperioden machen ihnen zu schaffen, ansonsten besteht Ihre Herausforderung eher darin, wuchernde Berufkräuter-Populationen wieder einzudämmen. Das funktioniert ähnlich gut wie bei Giersch und Brennnessel, nämlich ohne großräumigen Erdaushub gar nicht.

Wer hätt´s gedacht?

Die Gattung der Berufkräuter wurde 1753 von Carl von Linné erstbeschrieben. Das brachte dem fleißigen und (vielleicht etwas zu) selbstbewussten Botanik-Übervater („Gott schuf, ich ordne“) ein weiteres Mal Ruhm und Ehre ein. Doch war die Arbeit damit erst zu einem Bruchteil getan: Fast 400 Arten zählt die Gattung heute. Die alle zu systematisieren – daran muss man schon Spaß haben und eine Ehefrau, der einen so akzeptiert, wie man ist.

Beides hatte offenbar um 1820 der Schweizer Botaniker ›Augustin-Pyramus de Candolle, so dass er sich sehr für Berufkräuter begeistern durfte: de Candolle gilt in der Geschichte der Botanik als herausragender Kopf in der Erforschung von Adventivpflanzen, also Pflanzen, die sich aus ihrer ursprünglichen Heimat heraus mit Hilfe des Menschen in anderen Ländern und Kontinenten ausgebreitet haben. Den Botanikern war aufgefallen, dass viele hierzulande bislang unbekannte Pflanzen häufig in der Nähe von Hafengebieten wuchsen. Die neuen Arten waren mit den Schiffen und dem Import von Waren eingeschleppt worden – so wie Dutzende Berufkräuter-Arten von Nordamerika nach Europa.

Denen kam bei ihrer Eroberung der alten Welt zugute, dass sie sich asexuell vermehren: Sie benötigen keine Bestäuber und können sich so rasant ausbreiten. Eine einzige Pflanze bildet locker 25.000 Samen, an günstigen Standorten sogar die zehnfache Menge. Mancherorts wurden Berufkräuter zur Plage. Besonders in der Schweiz gelten viele Arten (allen voran der Einjährige Feinstrahl) als unerwünscht und werden ebenso intensiv wie erfolglos bekämpft.

Nun fragt man sich: Wie kamen der Einjährige Feinstrahl & Co. aus Nordamerika in die Schweiz, die ja nur eine überschaubare Anzahl von Hafengebieten besitzt? Wir wissen es nicht. Aber wir haben einen Verdacht. Zumindest wäre es ganz interessant zu erfahren, wo genau Monsieur de Candolle die ganzen Berufkräuter-Exemplare und -samen ließ, nachdem er sie katalogisiert hatte …


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